„Cash is king“

Ufuk SecginUfuk Seçgin, Marketingchef von HalalBooking.com, ist in Hamburg geboren und aufgewachsen. (Foto: HalalBooking.com)

Ufuk Seçgin, Marketingdirektor bei der Buchungsplattform HalalBooking.com, über die besten Länder für Halal-Reisen, die Reaktionen der globalen Reisebranche und warum Halal-Resorts teurer sind als konventionelle Urlaubshotels. Das Interview.

Herr Seçgin, Koran auf Englisch, Gebetsteppich im Zimmer und Mini-Gebetsraum im Hotel, das war das Angebot eines ausländischen Luxushotels in Istanbul. Ist das für Sie schon Halal-Tourismus?
Das ist schon mal ein guter Anfang. Man kann die Zahl der halal-freundlichen Servicedienstleistungen erweitern. Etwa den Alkohol aus der Minibar räumen oder die Gebetsrichtung anzeigen. Das wäre schon sehr gut für ein Cityhotel. Dann kann man noch weiter gehen. Dass zum Beispiel die Gerichte halal sind oder zumindest einige davon. Oder das Hotel komplett auf Alkohol verzichtet. Weitere Extras wären Fitnessräume, Schwimmbäder und Wellnesseinrichtungen, die nach Geschlechtern getrennt sind. Oder das Hotel zumindest Zeiten einrichtet, in denen nur Frauen die Einrichtungen nutzen können. Des Weiteren gibt es Strand- und Thermalhotels. Hier sind die Schwimmbäder und auch der Standbereich oft nach Geschlechtern getrennt oder sie besitzen einen Sichtschutz. Zudem bieten die Hoteliers ein kinderfreundliches Programm an, das im Einklang mit den islamischen Werten ist. Die Hoteliers können muslimischen Reisenden etliche Dienstleistungen anbieten. Es kommt immer darauf an, wie weit sie sich auf diese Zielgruppe spezialisieren möchten.

Was bietet HalalBooking.com an?
Wir haben Kunden aus 75 Ländern, die bei uns ihre Reisen online buchen. Unser Schwerpunkt liegt auf Strandresorts in der Türkei. Wir arbeiten aber auch mit Hotels und Villen in 34 anderen Ländern zusammen. Bis Ende nächsten Jahres möchten wir mindestens 2.000 Hotels auf unserer Webseite anbieten. Die meisten Kunden haben wir aus Westeuropa, aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich, den Benelux-Ländern und Skandinavien. Wir haben aber auch sehr viele Kunden von Ländern der ehemaligen Sowjetunion und den nordafrikanischen Staaten. Und natürlich aus der Türkei.

Was sind Ihre Kriterien für Stadthotels, Resorts oder Villen, damit Sie diese auf Ihrem Portal anbieten?
Das Hotel kann sich auf unserer Webseite online anmelden. Nach Prüfung der Angaben erstellen wir für das Hotel ein Konto. Danach kann das Hotel seine wichtigsten Halal-Eigenschaften eingeben. Inspektionen führen wir durch, aber nicht für jedes Hotel. Es kommt dabei darauf an, welche Priorität das Hotel für uns hat. Ich möchte allerdings klarstellen, dass wir kein Zertifizierungsinstitut sind. Für die Richtigkeit der Angaben ist letztendlich der Hotelbetreiber verantwortlich. Bisher haben wir fast gar keine Probleme gehabt. Denn auch den Hotels ist es wichtig, keine falschen Versprechen zu machen. Auch sie möchten keinen Ärger mit den Kunden haben.

Sie haben auf Ihrer Plattform nur ausgewählte Reiseziele im Angebot. Deutschland etwa ist überhaupt nicht auf Ihrer Liste. Warum?
Leider gibt es immer noch zu wenige Hotels, die halal-freundlich sind. Das ist derzeit die Realität. Ich hoffe, dass sich das künftig ändert und es mehr Hotels gibt, die diese Zielgruppe ansprechen möchten. Für uns war Deutschland als Destination nicht so stark im Vordergrund. Wahrscheinlich werden Sie Ende des Jahres mehr Hotels aus Deutschland auf unserer Website finden. Wir haben uns am Anfang stärker auf Standresorts und Cityhotels konzentriert. Bei den Cityhotels ist natürlich die Nachfrage nach Hotels in London, Rom oder Barcelona größer als etwa nach Hotels in Düsseldorf.

Welche Länder haben derzeit die besten Angebote für Halal-Reisen?
Wenn wir die Branche aufteilen nach Cityhotels, Strand- und Thermalresorts und Villen, dann ist die Türkei der Weltmeister für Strandresorts. In der Türkei gibt es über 50 Halal-Strandhotels, die sich auf diese Zielgruppe spezialisiert haben. Vor allem in der Region Antalya. Und ihre Zahl wächst ständig. Halal-Essen bieten auch die konventionellen Strandresorts an. Das ist kein Alleinstellungsmerkmal. Worauf es ankommt, sind die frauenspezifischen Angebote. Etwa ein Innen- und Außenpool oder einen Wellnessbereich nur für Frauen. Es gibt in der Türkei auch vier bis fünf Strandresorts, die einen getrennten Strand für Männer und Frauen haben. Sie sind meistens von außen auch nicht einsehbar. Das findet man außerhalb der Türkei fast gar nicht. Wenn wir uns die Cityhotels anschauen, dann sieht die Situation etwas anders aus. Dubai und Kuala Lumpur sind hier ganz gut aufgestellt. Man muss auch sagen, dass bei den Cityhotels die Anforderungen geringer sind. Die Hotels konzentrieren sich hauptsächlich darauf, was im Zimmer passiert. Darauf, dass es keinen Alkohol in der Minibar gibt, das Essen halal ist, ein Gebetsteppich vorhanden ist und die Gebetsrichtung angezeigt wird. Istanbul ist ebenso eine sehr beliebte Destination für halal-freundliche Reisen. Sie ist mit ihren vielen Moscheen, den Palästen ein interessantes Ziel für Kulturtourismus. Bei den Villen sind Malta, Spanien und die Türkei ganz vorne. Hier sind die Halal-Kriterien minimal. Wichtig ist hier nur, dass der Außenbereich nicht einsehbar ist. Die Thermalresorts sind wieder eine Besonderheit der Türkei. Das Land ist hier die Nummer eins in Europa.

Und welche Städte und Regionen in Europa haben sich am besten auf die Muslime eingestellt?
Bei den Städten ist London ganz vorne. Die Metropole bietet eine große Palette an kulinarischen Angeboten. Zum Beispiel indische, malaysische, türkische Restaurants – und das Ganze in Kombination mit halal. Das gibt es nirgendwo anders auf der Welt. In Deutschland gibt es hauptsächlich türkische Restaurants, gelegentlich welche aus dem Iran. Die Hotels in London sind es gewohnt, Gäste aus dem islamischen Raum zu haben. Für sie es überhaupt kein Problem das Frühstück während des Ramadan früher ins Zimmer zu bringen. Ein Gebetsteppich gehört für sie zum Standard. In deutschen oder italienischen Städten kann es ihnen passieren, dass sie verwundert angeschaut werden, wenn sie nach einem Gebetsteppich fragen. Auch andere Städte in Großbritannien haben sich gut auf muslimische Gäste eingestellt. Ich war kürzlich im Londoner Natural History Museum. Dort gibt es einen Gebetsraum und das Personal weiß, wo es ist. Das finde ich super. Aufgrund der Historie reisen viele Muslime auch nach Andalusien. Dort könnten die Hotels bessere Angebote machen. Extra-Dienstleistungen für muslimische Touristen bieten sie kaum an. Die Schweiz wird immer wieder genannt. Wir haben auf unserer Website drei Hotels in Wengen, die halal-freundliche Services anbieten. Dennoch hält sich das Halal-Angebot der Hotels in dem Land in Grenzen. Das hängt natürlich auch von der Nachfrage ab. Die Hotels werden reagieren, wenn die Nachfrage steigt.

Was sind derzeit die größten Hindernisse für Halal-Reisen?
Es müssen mehr Hotels Halal-Dienstleistungen anbieten. Auch sollten die Länder das Thema Zertifizierung weiter vorantreiben. Derzeit wird der Verbraucher etwa im Supermarkt komplett im Stich gelassen. Er weiß nicht, auf welches Halal-Siegel er sich verlassen kann. Da muss der Gesetzgeber einspringen und eine klare Regelung, am besten europaweit, schaffen. Zudem sollten sich mehr Restaurants zertifizieren lassen. Für die muslimischen Reisenden ist die Suche nach einem geeigneten Halal-Restaurant in unbekannten Städten immer noch ein großer Stressfaktor. Das bietet natürlich den Start-ups große Chancen. Sie könnten Apps entwickeln, die zeigen wo man halal essen kann oder wo sich der nächste Gebetsraum befindet.

Welche ernstzunehmenden Standards gibt es für Halal-Tourismus?
Es gibt einige Selbstzertifizierer. Dazu würde ich die Agentur Crescent Rating zählen. Man kann ihr Rating allerdings als Grundlage für weitere Recherchen nutzen. Das türkische Normungsinstitut TSE bietet Zertifizierungen auch für Hotels an. Allerdings ist das Siegel freiwillig. Soviel ich weiß hat das Bera Alanya als erstes Hotel das Label erhalten. Ferner arbeitet unter dem Dach der größten muslimischen Vereinigung, der Organisation für Islamische Zusammenarbeit, OIC, die Arbeitsgruppe COMCEC an Regularien für Halal-Tourismus.

Es leben 1,6 Milliarden Muslime auf der Welt. Wie viele davon interessieren sich überhaupt für Halal-Reisen?
Die genaue Zahl weiß ich auch nicht. Laut Zahlen des Marktforschungsinstituts Dinar Standard haben muslimische Reisende 150 Milliarden Dollar für Tourismus ausgegeben. Diese Zahl soll in den kommenden Jahren auf 233 Milliarden Dollar steigen. Ich habe keine Kenntnisse darüber, welchen Anteil Halal-Tourismus daran hat, aber nehmen wir an, es wären nur 10 Prozent, dann sind wir bei 23 Milliarden Dollar. Das Alter unserer Kunden liegt bei 25 und 45 Jahren. Meist handelt es sich um Familien mit Kindern. Aber auch frisch verheiratete Menschen buchen ihre Hochzeitsreisen über uns. Die meisten Kunden stammen aus Westeuropa und wollen ans Meer. Etliche Kunden haben einen türkischen Hintergrund, aber die weit größere Zahl sind Pakistaner und Bangladeschi aus Großbritannien, Marokkaner und Algerier aus Frankreich und Belgien. Unsere Kunden sind modern, sehr gut gebildet und möchten im Urlaub keine Kompromisse machen. Sie wollen soweit es geht auch im Urlaub ihre Religion ausleben. Ein gewisser Anteil unserer Kunden ist weniger religiös. Für sie sind kulturelle und traditionelle Werte wichtig. Sie wollen, dass ihre Töchter und Frauen ihren Urlaub ungestört genießen. Wir sehen an den Buchungen, dass die Frauen bestimmen, wohin die Urlaubsreise geht. So rufen in unseren Call Centern hauptsächlich Frauen an. Sie erkundigen sich über die Bereiche für Frauen. Die Männer wünschen sich ein Hotel, wo sich ihre Frauen wohl fühlen können. Sie sagen uns, dass es für sie dann ein guter Urlaub ist, wenn die Ehefrau zufrieden nach Hause zurückkommt.

Wie reagiert eigentlich die globale Reisebranche auf Halal-Tourismus? Verärgert, interessiert oder gleichgültig?
Von den Reisebüros wird es sehr positiv aufgenommen, da Halal-Tourismus für sie ein weiteres Angebot ist, das sie ihren Kunden anbieten können. Für Buchungsportale wie Booking.com ist es relativ unwichtig. Wenn die Zahl der Halal-Reisenden weiter ansteigt, werden sie wahrscheinlich anfangen spezifische Filter für diese Kunden einzubauen. Es gibt ja auch Gay Tourism. Warum soll es Halal-Tourismus nicht geben? Am Anfang wurden die ersten Hotels, die sich auf Halal-Tourismus spezialisiert haben, skeptisch beäugt. Aber nachdem sich das Ganze als wirtschaftlich erwiesen hat, wird es auch von Menschen, die eine andere ideologisch Einstellung haben, positiv gesehen. Denn: cash is king. An Touristen, die ins Land kommen, verdienen so viele Menschen. Personen, die am Flugschalter arbeiten. Das Reinigungspersonal am Flughafen. Die Taxifahrer. Die Mitarbeiter der Hotels. Daher interessieren sich mittlerweile auch Länder wie Frankreich, Österreich und der Schweiz für Halal-Tourismus. Wenn sie das intelligent machen, kann es funktionieren. Sie können zum Beispiel ihre Halal-Serviceleistungen dezent anbieten. Sie müssen ihre Angebote nicht auf großen Buchungsportalen wie Booking.com anpreisen, sondern über unsere Website die Zielgruppe gezielt ansprechen. Wenn diese Hotels wissen, dass der Kunde über eine bestimmte Webseite kommt, können sie vorher Alkohol aus der Minibar räumen, Gebetsteppiche auf Anfrage liefern und Halal-Speisen anbieten. Wir wissen von vielen internationalen Restaurantketten, die Nichtmuslimen gehören, dass sie Halal-Speisen im Angebot haben. So erfahren wir auf Anfrage, dass das Fastfood-Restaurant Nando’s Halal-Hühnchen im Angebot hat. Oder, dass bestimmte Pizzaketten in Großbritannien komplett halal sind.

Urlauber kritisieren, dass Halal-Resorts teurer sind als andere Ressorts. Was sind die Gründe dafür?
Es gibt mehrere Gründe dafür. Wenn wir uns die Strandresorts in der Türkei betrachten, haben wir es mit globalen Reiseveranstaltern zu tun, die die Preise extrem nach unten drücken. Daher denke ich nicht, dass die konventionellen Resorts lukrative Geschäfte machen. Nur der Reiseveranstalter verdient gut. Bei den Halal-Hotels spielen Reiseveranstalter keine Rolle. Sie sind in unserem Markt nicht vertreten. Daher kann der Hotelbesitzer zu einem Preis anbieten, der gerechtfertigt ist. Eventuell ließe sich der Preis etwas senken. Das hängt natürlich mit dem Angebot und der Nachfrage zusammen. Derzeit ist die Nachfrage hoch, das Angebot knapp. Zudem sollte man die Extrakosten in Halal-Hotels nicht vergessen. So müssen sie mehr Schwimmbäder als konventionelle Hotels betreiben. Klar, die Kosten für alkoholische Getränke fallen weg, aber unsere Kunden legen mehr Wert auf hochwertige Lebensmittel. Daher wird für das All-Inclusive-Essen pro Kopf mehr Geld ausgegeben.

Interview: Kemal Çalık

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Über den Autor

Kemal Calik
Chefredakteur des globalen Online-Wirtschaftsmagazins HALAL-WELT. Für die Publikation schreibt er über Lebensmittel, Tourismus, Kosmetik, Finanzen und Digital Commerce. Er hat zuvor als Redakteur unter anderem für das "Börsenblatt", "Der Handel" und "CYbiz" gearbeitet.