Christoph Schöllhammer im Interview: „Halal ist eine Lebenseinstellung“

Christoph Schöllhammer, Projektleiter Halal Hannover. (Foto: Deutsche Messe AG)

„Halal Hannover“ wurde wegen Corona auf den März 2021 verschoben. Projektleiter Christoph Schöllhammer über Messevorbereitungen in der Pandemie, den deutschen Halal-Markt und den Auftritt des Oberbürgermeisters.

Herr Schöllhammer, Sie mussten die Halal Hannover wegen der Corona-Pandemie verschieben. Wie wird sich der globale Branchentreff nächstes Jahr den Besuchern präsentieren?
Die Menschen haben in der Zeit des Lockdown sehr umfangreiche Erfahrungen mit digitalen Medien und Videokonferenzen gemacht – und ich glaube, daraus ergibt sich umso stärker der Wunsch, sich wieder persönlich zu treffen. Und Messen sind nun einmal ein perfekter Ort, sich zu treffen. Und sie sind Treffpunkte für Anbieter und Kunden. Unsere Vorbereitungen für die Halal Hannover im März 2021 laufen auf Hochtouren. Wir planen auf der Grundlage eines Sicherheits- und Hygienekonzepts, das wir mit den Gesundheitsbehörden abgestimmt haben – und dies macht unsere Veranstaltung erstmal Corona-sicher – aber man muss auch sagen: Niemand weiß, wie die Situation in sechs Monaten sein wird.

Sie sprechen derzeit mit potenziellen Ausstellern. Wie viele Aussteller möchten Sie für das kommende Jahr gewinnen?
Wir sind im intensiven Austausch mit den Unternehmen. Seitens der Aussteller, die sich für dieses Jahr angemeldet hatten, ist die Bereitschaft die Messe zu unterstützen nach wie vor groß. Wenn wir für die Halal Hannover 2021 50 bis 60 Aussteller gewinnen, wäre das für eine Erstveranstaltung ein Superergebnis. Wir wollen mit der Messe den Stein ins Rollen bringen und uns dann auf dem Markt etablieren.

In jüngster Zeit werden etliche Veranstaltungen als Hybrid-Events durchgeführt, vor Ort oder digital. Planen Sie das auch?
Das ist ein neuer Trend, wird aber auch mit gemischten Gefühlen wahrgenommen. Es gibt Branchen für die digitale Events gut geeignet sind. So sind sie für den Bereich Wissenstransfer ein hervorragendes Tool. Ich bin im Gespräch mit dem Dubai Islamic Economy Development Center, DIEDC. Sie wollten in diesem Jahr auf der Messe internationale Round Table-Gespräche veranstalten. Diese werden nun im März 2021 stattfinden. Das DIEDC präferiert eine physische Veranstaltung. Sie wollen sich mit Menschen treffen und austauschen. Auch wir denken aktuell nicht über ein hybrides Format nach. Dennoch kann sich die Situation coronabedingt ändern. Ich denke, dass wir erst im Dezember entscheiden werden, ob wir eine hybride Veranstaltung machen oder nicht. Der Vorteil ist, dass wir in der Halle 18 den H’Up gebaut haben, eine Halle, in der hybride Veranstaltungen der Spitzenklasse möglich sind. Die könnten wir sofort nutzen.

Wie sieht das Sicherheits- und Hygienekonzept für die Halal-Messe aus?
Wir als Deutsche Messe AG haben ein Hygienekonzept erarbeitet, das wir wie gesagt mit den Behörden abgestimmt haben. Das Konzept hat verschiedene Facetten wie Hallenkapazität, Gangbreite, Besucherzahl, Steuerung der Zugänge. Diese Corona-Sicherheitsstandards einzuhalten, ist für uns kein Problem. Wir verfügen über notwendige Hallenkapazitäten. Außerdem können wir von der Erfahrung anderer Präsenzveranstaltungen profitieren, die bei uns auf dem Gelände stattfinden.

Die Halal Hannover sollte in diesem Jahr in einer Halle stattfinden. Könnte also durchaus sein, dass Sie die Messe in mehr Hallen unterbringen?
Ja, je nachdem wie viele Aussteller wir haben, könnten wir auch zwei Hallen für die Messe nutzen.

Aktuell ist nicht absehbar, ob Unternehmer und Besucher aus dem Ausland ohne Einschränkungen nach Deutschland reisen können. Wie können Sie diese Menschen unterstützen?
Aufgrund der Globalisierung sind Messen immer internationaler geworden. Das Messewesen ist ein gut funktionierendes Uhrwerk. Die Zahnräder müssen ineinander greifen. Momentan funktioniert das eine oder andere Zahnrad nicht. Auch wir sind gespannt, wie es mit Corona weitergeht. Dennoch stellen wir einen Trend fest. Unsere chinesische Tochtergesellschaft hat in Chengdu kürzlich eine Automesse veranstaltet. Trotz Corona haben diese Schau mehr als 800.000 Menschen besucht. Mit einem Plus von 11 Prozent im Vergleich zu einem coronafreien Vorjahr. Wir stellen fest, dass sich die Menschen wieder treffen wollen. Sie wollen sich Innovationen anschauen. Sie wollen sehen, wie sich die Welt verändert. Gestern hatte ich ein Telefonat mit einer sudanesischen Firma. Ich habe dem Unternehmen gesagt, dass sie als Aussteller die Halal Hannover unterstützen sollten. Aber gegen mögliche Reisebeschränkungen und Auflagen können auch wir nichts machen. Falls es erneut zu einer Verschiebung kommen sollte, entstehen für die Aussteller selbstverständlich keine Kosten.

Die Messe ist offen für Fachbesucher und Publikum. Warum sollten Konsumenten nach Hannover kommen?
Wir bieten einen Überblick über die komplette Halal-Lebenswelt. Wir zeigen Produkte und Dienstleistungen aus den Bereichen Lebensmittel, Mode, Kosmetik, Finanzen und Reisen. Der Endverbraucher kann sich auf der Messe und der begleitenden Konferenz mit der gesamten Halal-Community austauschen.

Was wird der Eintritt kosten?
Wir sind für eine faire Preisstruktur und bieten Wochenendtickets an. Ich denke, dass die Tickets nicht mehr als 10 Euro kosten werden.

Halal ist global ein Milliardenmarkt. Die deutschen Lebensmittelhändler bieten allerdings wenig Auswahl an Halal-Produkten an und die Industrie hat zu wenig Halal-Lebensmittel für den deutschen Markt im Angebot. Ist das nicht paradox?
Wenn wir uns den deutschen Halal-Markt betrachten, reden wir über zwei verschiedene Märkte. Einmal über den Binnenmarkt und über den Exportmarkt. Fangen wir mal beim Binnenmarkt an. In Deutschland leben 83 Millionen Menschen. Von diesen ernähren sich jetzt schon sehr viele Menschen gesund. Sie achten auf Regionalität, Bioqualität, essen vegan. Und es gibt noch halal, das für erlaubte Produkte steht. Halal ist ein Gütesiegel und hat zudem ein Positionierungsvorteil: Halal steht nicht nur für gesunde Lebensmittel, sondern es ist eine Lebenseinstellung. Es geht darum im Leben etwas Gutes zu tun. Daher denke ich, dass von den 83 Millionen Einwohnern Deutschlands viele halal-konform Leben. Im Hinblick auf den deutschen Exportmarkt spielen Halal-Zertifizierungen eine extrem wichtige Rolle. Ohne gültige Zertifizierung können Unternehmen nicht in Regionen wie den Nahen und Mittleren Osten oder aber Südostasien exportieren.

Sie reden täglich mit Einzelhändlern und der Lebensmittelindustrie. Was sagen die Ihnen, warum es so wenig Halal-Produkte in Deutschland gibt?
Viele Menschen assoziieren mit dem Begriff halal ausschließlich eine besondere Form der Schlachtung. Das ist für mich nicht nachvollziehbar, denn in Deutschland ist diese Form ja nur in sehr wenigen Ausnahmefällen möglich. Das ist aber auch nicht Bestandteil der Messe. Vielmehr geht es um das ganzheitliche Aufzeigen unterschiedlicher Produktsegmente wie Lebensmittel, Finanzen oder auch Reisen.

Welche Impulse erwarten Sie nach der Halal Hannover für Deutschland und Europa?
Ich wünsche mir, dass wir uns zur europäischen Leitmesse für halal entwickeln. Wir werden so sicher auch eine gewisse Aufklärungsarbeit leisten, die in diesem Themenfeld aufgrund vieler Vorurteile von Bedeutung ist.

Welches wirtschaftliche Ziel haben Sie für die Branchenmesse?
Wir wollen mit der Halal Hannover einen ersten Schritt machen, und die Messe soll perspektivisch wachsen. Wir glauben daran, dass es einen Markt für Halal-Produkte gibt – und damit auch den Markt und den Bedarf für eine entsprechende Messeplattform. Die Gespräche mit der Industrie beflügeln uns und unterstützen unsere These.

Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay sollte in diesem Jahr die Messe eröffnen. Haben Sie von ihm auch die Zusage für 2021?
Der Oberbürgermeister ist aktuell der Vorsitzende des Aufsichtsrats der Deutschen Messe AG. Wir sind zuversichtlich, dass wir ihn auch für das kommende Jahr als Redner gewinnen können.

Interview: Kemal Çalık

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