Cristina Tschuppert: „In Riad gibt es sogar ein Heididorf-Café“

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Cristina Tschuppert und Toni Riethmaier. (Foto: Pearls of Switzerland)

Cristina Tschuppert und Toni Riethmaier von Pearls of Switzerland sind Reiseberater für die Schweiz und Saudi-Arabien. Ein Gespräch über schneebedeckte Berge, 900.000 anspruchsvolle arabische Touristen und spezielle Halal-Hotels.

Zur englischen Fassung des Interviews
To the English version of the interview

Frau Tschuppert, was fasziniert arabische Touristen an der Schweiz?
Tschuppert: Hier kommt vieles zusammen: die Landschaften, die Mehrsprachigkeit und somit die Kulturen der Schweiz, das Wetter, die Chalets und das Angebot an Reisemöglichkeiten sei es mit Bahn, Schiff oder Bus und das gut ausgebaute Straßennetz. Die Schweiz ist ein kleines Land und man kann leicht von A nach B und weiter zu C reisen. Dazu kommt, dass jede Stadt ihre eigenen Merkmale hat und sie interessant macht. Luzern zum Beispiel wird immer beliebter. Hier ist das Angebot besonders groß: die Berge, der Vierwaldstättersee See und die Stadt. Fasziniert sind die arabischen Gäste auch von Interlaken, Rougemont und Gstaad. Dies sind für arabische Gäste wunderschöne Orte, um sich zu entspannen und die Landschaft zu genießen. Auch das hohe Maß an Sicherheit in öffentlichen Bereichen ist für Reisende sehr wichtig, genauso wie Ordnung und Sauberkeit.

Welche Tourismusregionen sind beliebt und warum?
Tschuppert: Das ganze Gebiet um den Genfersee ist sehr beliebt und im Sommer ein Hotspot. Dies nicht zuletzt, weil Saudia direkt von Riad oder von Dschidda nach Genf fliegt. Zudem ist die Clinique La Prairie bei Montreux ein sehr beliebter Ort für Medical & Health Touristen. Auch der saudische König Ibn Saud war dort bereits zu Gast. Ebenfalls sehr beliebt im Sommer für Familien ist Interlaken und wie bereits erwähnt Luzern. 

Herr Riethmaier, wie sieht das Profil der arabischen Gäste aus, die in die Schweiz kommen?
Riethmaier:
Mehr als 900.000 Gäste aus dem arabischen Raum besuchen jedes Jahr die Schweiz. Die meisten reisen privat und zur Erholung, als verheiratetes Paar oder gleich mit der ganzen Familie, das heißt von den Kindern über die Eltern und Großeltern, bis zu Cousinen und anderen Verwandten und Bekannten sind alle mit dabei. Anders ist es bei Geschäftsleuten, diese reisen meist allein oder mit einer Männergruppe, dies sind meist Arbeitskollegen oder regionale Geschäftspartner. Viele wichtige internationale Konferenzen finden in der Schweiz statt und internationale Organisationen haben meist ihren Sitz in Genf. Daher sind auch arabische Politiker oder Mitglieder sogenannter Herrscherfamilien oft zu sehen, diese dann aber mit einem Clan an Bediensteten und ohne Familie da. Zu Studien und Bildungszwecken kann es schon einmal sein, dass man allein reisende Frauen oder Männer antrifft, dies war in der Vergangenheit eher die Seltenheit aufgrund von Restriktionen. Das wird sich langsam ändern, da mit der aktuellen Entwicklung in Saudi-Arabien auch Frauen ohne Vormund beziehungsweise Genehmigung reisen dürfen. Als letztes und auch sehr wichtiges Profil gibt es den medizinischen Tourismus. Hierbei handelt es sich meist um längere Aufenthalte welche der Gesundheit des Reisenden dienen. Die Schweiz verfügt über ausgezeichnete Kliniken und renommierte Ärzte, auch großzügig angelegte Rehakliniken in abgeschiedenen Gebieten mit entsprechender Privatsphäre sind beliebt.

Gib es Hotels und Restaurants, die mit besonderen Angeboten für muslimische Gäste über das übliche hinaus aufwarten?
Riethmaier: Ein Großteil aller Schweizer Hotels bietet spezielle Leistungen für Muslime und somit auch für arabische Gäste an. Diese Leistungen und Angebote können aber von Hotel zu Hotel variieren, einen einheitlichen Standard oder Richtlinien, welche das Hotel anwenden könnte, gibt es nicht. Manchmal ist es ganz banal ein arabisch sprechender Mitarbeiter, die Möglichkeit eine alkoholfreie Minibar auf dem Zimmer zu haben oder halal-konformes Essen im Hotel zu bekommen. So kaufen einige Hotels ihr Halal-Fleisch von der Merhaba Metzgerei in Emmenbrücke im Kanton Luzern. Oder eben das Komplettpaket, wo der Gast nicht nur halal dinieren kann, sondern zum Beispiel auch einen Gebetsteppich mit Qibla-Richtungsweiser im Zimmer, Handdusche im Bad, Koran im Nachtkästchen, spezielle Kosmetika, alkoholfreie Minibar, arabischen Hotelführer und vieles mehr offeriert bekommt. Hier muss man auch die jeweilige Kategorie in Betracht nehmen. Handelt es sich um ein luxuriöseres und eventuell auch größeres und gut etabliertes Vier- oder Fünf-Sterne Hotel, etwa das Hotel Villa Honegg in Ennetbürgen, Grand Hotel National in Luzern, Park Hyatt in Zürich oder Hotel Metropole in Genf, können die Angebote und Einrichtungen besser sein als in kleineren oder einfacheren Hotels. Manche Hotels haben sich speziell auf den arabischen Markt konzentriert und bieten alle Annehmlichkeiten für muslimische Reisende an. Diese Hotels könnte man durchaus als Halal-Hotels bezeichnen. Wir inspizieren jedes einzelne Hotel und Restaurant welches unseren Gästen angeboten wird, persönlich. Somit können wir bereits im Vorfeld sicherstellen, dass die Angebote auch den Erwartungen entsprechen. Großen Wert legen wir auf Ausstattung der Zimmer und Produkte, welche es im Hotel gibt. Es ist zum Beispiel nicht unbedingt notwendig arabisch sprechendes Personal zu haben, wichtiger ist etwa das eine alkoholfreie Minibar nicht nur eine abgespeckte Version der normalen Minibar ist, sondern, dass es eine alternative Befüllung gibt, beispielsweise mit regionalen Säften, Limonaden oder speziellem alkoholfreiem Bier und Wein, das es am Frühstücksbüffet eine spezielle Sektion gibt, entweder mit halal-zertifizierten oder hausgemachten halal-konformen Speisen. Die verschiedenen Bars und Restaurants immer eine kleine Auswahl an Halal-Getränken und -Speisen anbieten, im Zimmer Gebetsteppich, Richtungspfeil zur Qibla und ein Koran bereitliegt. Auch verschiedene arabische beziehungsweise muslimische Fernseh- und Radiokanäle vorhanden sind, sowie ein Guide, welcher etwa auf lokale Halal-Restaurants oder Supermärkte, Friseur- und Beauty-Salons, Moscheen und Ärzte verweist. Dies sind aber nur ein paar Beispiele von dem was wirklich benötigt wird. Angestellte, welche Umgang mit muslimischen Gästen haben, sollten auch entsprechend auf die Umgangsweise mit solchen Gästen geschult werden.

Wer sind die Profiteure der Halal-Wertschöpfungskette?
Riethmaier: Alle – angefangen beim Endverbraucher, denn wie heißt es so schön: der Gast ist König. Wenn dieser zufrieden ist, ist das die beste Werbung. Ein unzufriedener Gast wird nicht wieder in ein Restaurant zurückkehren, er wird nicht bei seiner Familie davon schwärmen und er wird bestimmt nicht mit seinen Arbeitskollegen dort essen gehen. Wenn aber Erwartungen und Bedürfnisse erfüllt werden, dann profitieren alle. Vom Lieferanten bis hin zum Endverbraucher, das schließt jeden Produktions- und Dienstleistungsschritt mit ein. Angefangen bei der Beschaffung, weiter in der Produktion und zeigt sich dann beim Absatz.

Wie viele Hotels und Restaurants bieten Halal-Essen an, das tatsächlich den muslimischen Speisevorschriften entspricht? Also nicht nur konventionell ohne Schweinefleisch und Alkohol.
Riethmaier: Dazu können wir keine genauen Angaben machen. Jedoch kennen wir alle Hotels und Restaurants, etwa das Tassnim Orient in Luzern, Le Cèdre Bellevue in Zürich oder L’Arabesque, welche wir persönlich empfehlen, und können somit garantieren, dass diese Häuser den muslimischen Speisevorschriften entsprechen.

Welche Probleme gibt es mit Touristen aus den Golfsaaten und wie lassen sich diese lösen?
Tschuppert: Wenn man die Kultur akzeptiert und weiß, wie man sich verhalten sollte, gibt es keine Probleme. Schade ist, dass die Einheimischen manchmal kein Wissen haben und andere Menschen und ihre Lebensweisen nicht respektieren wollen. Es braucht Flexibilität und Verständnis für eine andere Art von Kultur. Wenn man sich Wissen aneignet und sich damit beschäftigt, kann, darf und soll der Gast König sein. Zum Beispiel Verschleierung akzeptieren oder halt eben, dass man einer verheirateten Frau nicht in die Augen schauen sollte et cetera.

Was macht die Schweiz, um noch mehr Touristen aus den Golfstaaten in die Schweiz zu locken?
Tschuppert: Die Schweiz beziehungsweise Schweiz Tourismus organisiert immer wieder Fam-Trips aus den Golfstaaten. Es handelt sich dabei um Reisen, bei der etwa Hotels, Restaurants oder örtliche Gegebenheiten, zum Beispiel von Reiseveranstaltern, Journalisten oder Eventmanagern erkundet werden können. Auch wir versuchen uns in den Golfstaaten zu vermarkten und gute Geschäftsbeziehungen aufzubauen, indem wir nach Saudi-Arabien oder in die Vereinigten Arabischen Emirate reisen und uns dort persönlich bei den Reisebüros vorstellen und ebenfalls auch Tourismusmessen, wie ATM in Dubai, ITB in Berlin und WTM in London besuchen. Die Schweiz hat auch Produkte vor Ort, die sehr beliebt sind und gerne gekauft werden. Beispielsweise Mövenpick, Lindt, Kambly, Kägi Fret. La Prairie Kosmetik, Moussy-Bier – natürlich alkoholfrei – und in Riad gibt es sogar ein Heididorf-Café, wo man Raclette essen kann.

Sie bringen arabische Touristen in die Schweiz und zeigen Schweizern die Golfstaaten. Worin unterscheiden sich die Wünsche der beiden Gruppen?
Tschuppert: Pearls of Switzerland bietet jeweils von Mitte Oktober bis Ende April individuell zusammengestellte Privatrundreisen an und begleitet auf Wunsch die Reisenden. Da Toni Riethmaier zehn Jahre lang in Dschidda gelebt hat und ich Saudi-Arabien seit 2017 immer wieder besucht habe, um Hotels, Restaurants sowie Museen und Sehenswürdigkeiten zu inspizieren, sind wir kompetente Ansprechpartner für Reisen nach Saudi-Arabien und ermöglichen kulturinteressierten Land und Leute kennenzulernen und stellen unvergessliche Erlebnisse zusammen. Wenn Gäste aus den arabischen Staaten nach Europa oder in die Schweiz reisen, sind es Geschäftsleute, die hier Geschäfte machen oder eben Familien, die einen Erholungsurlaub machen möchten, eventuell zusammen mit einem Kuraufenthalt oder einem Summer Camp für die Kinder. Bei den arabischen Gästen stehen Shopping, Erholung und gutes Essen im Vordergrund, während bei den europäischen Gästen Erlebnisse und Kultur wichtig sind.

Interview: Kemal Çalık