Deutsche Supermärkte scheuen Ramadan-Aktionen

RamadanRamadan: Deutsche Lebensmittelhändler haben sich noch nicht auf Muslime eingestellt. (Foto: Pixabay)

Der Ramadan hat begonnen. Eigentlich ist der Fastenmonat eine Zeit der Einkehr, für die Händler ist er auch ein Umsatzbringer. Deutsche Lebensmittelhändler könnten vom Kommerz profitieren, doch mit Verkaufsaktionen halten sich viele Supermarktketten zurück.

In wenigen Tagen ist Anpfiff für die Fußball-EM in Frankreich. Für das Ereignis haben sich die Menschen in Deutschland mit Fan-Artikeln eingedeckt, die seit Wochen in allen Supermärkten und Discountern verkauft werden. In diesem Jahr fällt der Ramadan erneut in die Zeit einer Fußball-Meisterschaft. Wenn am 12. Juni um 21 Uhr Deutschland im ersten Spiel auf die Ukraine trifft, wird der deutsche Fußball-Nationalspieler Mesut Özil Medien zufolge nicht fasten. Während das Spiel läuft, sitzen die Muslime mit ihren Familien beisammen und eröffnen das Fastenbrechen. Zur Vorbereitung auf das Essen gibt es vorneweg eine Olive oder eine Dattel.

In Frankreich, Großbritannien oder in Belgien verdienen die Lebensmittelketten viel Geld mit dem Fest. Wie an Weihnachten, Ostern, Halloween oder am Valentinstag hierzulande. Die französischen Supermärkte, etwa Carrefour, richten zum Beispiel im Fastenmonat Extra-Tische oder Sonderregale ein und bieten Datteln, Ramadan-Pitas und Rosenwasser an. Als Ergänzung zu den Halal-Produkten, die sie das ganze Jahr verkaufen.

Wie sieht es bei den deutschen Supermärkten und Discountern aus? Haben Sie für die fastenden Muslime entsprechende Produkte im Angebot oder bauen sie gar spezielle Verkaufstische auf? Sind die Waren mit oder ohne Halal-Zertifikat?

Orientalische Spezialitäten nicht immer halal

“Spezielle Aktionen zu Ramadan haben wir nicht geplant“, sagt Andrea Kübler von Kaufland. Der Großflächendiscounter richte seine Sortimente generell auf die Bedürfnisse der Kunden aus und biete in seinen Filialen ganzjährig türkische Spezialitäten sowie halal-konforme Produkte an. Lidl hält sich bedeckt und möchte aus „grundsätzlichen Erwägungen“ keine Angaben über das Sortiment machen. Lidl gehört wie Kaufland zur Schwarz-Gruppe.

Der Edeka-Discounter Netto betreibt bundesweit über 4.180 Filialen und hat in diesen etwa 4.000 Artikel im Angebot. „Unseren Kunden bieten wir ganzjährig ein Angebot an ausgewählten orientalischen Spezialitäten an“, berichtet Christina Stylianou. Die Netto-Kommunikationschefin möchte aus Wettbewerbsgründen keine weiteren Informationen geben.

Etwas auskunftsfreudiger ist da schon der Konkurrent Norma. Die Einkaufsabteilung prüfe derzeit intensiv die zusätzliche Listung von halal-zertifizierten Produkten, sagt Norma-Pressesprecherin Katja Heck. Typische Ramadan-Artikel wie Oliven, Nüsse oder Feigen würde die Kette wie die ganzen Jahre zuvor in Deutschland und Frankreich vermarkten.

Aldi Süd und die „Schätze des Orients“

„Wir führen derzeit keine halal-zertifizierten Produkte in unserem Angebot“, sagt Kirsten Geß, Leiterin Kommunikation von Aldi Süd. „Auch bieten wir in unseren Filialen anlässlich des Ramadans keine besonderen Spezialitäten als Aktionsartikel an.“ Der Discounter orientiere sich hinsichtlich des Sortiments an den „mehrheitlichen Bedürfnissen“ der Kunden. Aldi Süd würde regelmäßig Produkte aus verschiedenen Ländern anbieten. Darüber hinaus führe man als Aktionsware die „Schätze des Orients“. Es handelt sich dabei um Aktionsartikel mit orientalischem Flair, die sowohl Lebensmittel wie Gebäck oder Gewürze als auch Non-Food-Artikel wie Kissen oder Kerzen umfassen. „Auch diese orientalischen Lebensmittel sind nicht halal-zertifiziert“, stellt Geß klar.

Aldi Nord verfolgt eine ähnliches Geschäftskonzept wie Aldi Süd und bietet eine Auswahl von rund 1.000 Artikeln für einen möglichst großen Verbraucherkreis an. „Natürlich behalten wir dabei die Entwicklungen im Markt sehr genau im Auge und prüfen in regelmäßigen Abständen in Aktionen oder Testmärkten die Akzeptanz von neuen Lebensmitteln“, sagt Alexandra Laurich von Aldi Nord. Im Standardsortiment des Discounters gebe es zum Beispiel Fladenbrot, Hummus und Bulgur-Salate. Zudem biete man in regelmäßigen Aktionen etwa Couscous, Bulgur, Datteln und Baklava an.

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Die Supermärkte haben meistens mehr Spielraum als die Discounter, da sie ihr Sortiment entsprechend dem lokalen Kundenkreis anpassen können. Die Edeka-Gruppe ist der größte Lebensmitteleinzelhändler in Deutschland und wird von rund 4.000 genossenschaftlich organisierten Kaufleuten getragen. Die selbstständigen Einzelhändler entscheiden in „eigener Verantwortung über die Sortimentsgestaltung und Sonderaktionen“, sagt Laura-Mareike Hohls von der Edeka-Unternehmenskommunikation. Sprich: Edeka führt in jeder Filiale eine anderes Sortiment. Folglich können sich die Händler mehr zutrauen und Erfahrung mit Halal-Produkten und Ramadan sammeln.

Im Frankfurter Scheck-In-Center werden mehr als 60.000 Artikel angeboten. Fleisch, Fisch, Käse, Tiefkühlprodukte, Bio-Obst oder Vegan-Schnitzel: Hier kann der Kunde auf 5.200 Quadratmetern alles finden, was er essen möchte. Darunter sind 4.000 Koscher-Produkte und etwa 40 Halal-Waren. „Die Nachfrage nach Koscher-Produkten ist bei uns groß“, sagt der Marktleiter Peter Splettstößer. Halal-Produkte würden weniger gekauft. Daher werde es im Edeka-Supermarkt keine Aktion zum Ramadan geben. „Wir haben auch wenig Erfahrung mit dem Thema Halal“, erklärt der Marktchef. Man sei eher nicht der Laden für Menschen, die halal kaufen wollen. Vor allem die türkischen Supermärkte seien hier sehr stark, da sie schon lange Halal-Produkte verkaufen würden. Dennoch denkt er nicht an eine Auslistung von Halal-Lebensmitteln, das Sortiment werde aber nicht erweitert.

Real lockt mit Ramadan-Verkaufstischen

Wie Edeka, ist auch Rewe genossenschaftlich organisiert. Şahin Karaaslan betreibt vier Rewe-Filialen in Heidelberg und beschäftigt über 200 Mitarbeiter. Weihnachten und Ostern sind auch für den Unternehmer wichtige Umsatzbringer im Jahr. Sonderregale zum Ramadan richtet er nicht ein, da die meisten Muslime in dieser Zeit eher in türkischen und arabischen Supermärkten einkaufen würden. Noch wesentlicher ist für den Händler, dass die Lebensmittelproduzenten keine speziellen Ramadan-Produkte anbieten. Dann könnten sich die türkischen Händler noch besser auf muslimische Kunden einstellen. Etwa mit stilvoll verpackten und designten Ramadan-Produkten.

Sahin Karaasalan

Sahin Karaaslan ist Chef von vier Rewe-Märkte in Heidelberg. (Foto: Rewe)

„Wir werden in einigen ausgewählten Real-Märkten, in deren Einzugsgebiet viele Muslime leben, Verkaufstische zum Thema Ramadan aufbauen“, erzählt Alja-Claire Dufhues von der Real-Unternehmenskommunikation. Zum Beispiel werde es im Real-Markt in Berlin-Neukölln einen Sonderaufbau mit speziellen Produkten wie türkisches Fladenbrot, Datteln, Oliven, Couscous, Bulgur und Ajvar geben. Diese Produkte würden aber nicht speziell für den Ramadan eingelistet und angeboten, sondern seien das gesamte Jahr in dem Real-Markt zu bekommen.

Doch damit nicht genug: Die Supermarktkette hängt zu wichtigen religiösen Ereignissen wie dem Ramadan seit einigen Jahren in Märkten mit einem hohen Anteil an muslimischen Kunden Plakate auf. Auf denen wünscht sie den Menschen einen frohen Ramadan und danach ein tolles Zuckerfest. „Wir wollen damit speziell unsere muslimischen Kunden ansprechen, so wie wir zum Beispiel allen christlichen Kunden im Dezember ein frohes Weihnachtsfest wünschen“, sagt Dufhues. Zudem würde etwa im Real-Markt in Berlin-Neukölln ein Ramadan-Kalender kostenlos verteilt.

Ferner hat die Metro-Tochter in rund 35 ausgewählten Real-Märkten, in deren Einzugsgebiet viele Muslime leben, entsprechende Produkte und Wurstwaren mit Halal-Siegel im Angebot. Auch sie werden ganzjährig verkauft.

Real-Markt in Berlin

Abteilung internationale Spezialitäten der Supermarkt-Kette Real in Berlin-Neuköln. (Foto: Real SB Warenhaus)

Tierschutz und rituelles Schächten sind ein heftig debattiertes Thema in Deutschland: Real betont daher, dass das Unternehmen aufgrund des deutschen Tierschutzgesetzes nur Halal-Artikel anbietet, bei denen sämtliche Lieferanten gegenüber der Handelskette versichert haben, dass alle Tiere vor dem Schlachten betäubt wurden. „Der Unterschied besteht lediglich darin, dass bei der Schlachtung bestimmte religiöse Abläufe eingehalten werden müssen, zu denen unter anderem das Zitieren religiöser Verse gehört“, erklärt Dufhues. Das sei jedoch nicht zu verwechseln mit dem Schächten, bei dem das Tier bei vollem Bewusstsein ausblute. „Leider wird dies in Deutschland häufig verwechselt. Produkte, die auf diese Art und Weise erzeugt werden, befinden sich nicht in unserem Sortiment“, stellt die Sprecherin fest.

Festival: Nächte des Ramadan

Im Ergebnis halten sich die deutschen Lebensmittelhändler mit Ramadan-Verkaufskampagnen größtenteils zurück. Es fehlt an einem Gesamtkonzept wie an Weihnachten mit TV-Spots, Extra-Webseiten, Anzeigen in den Medien oder Postwurfsendungen. Um die Nachfrage anzuregen, könnten die Händler für ihre Aktionen mittlerweile etwa auf gut besuchten Ramadan-Festivals wie „Festi Ramazan“ in Dortmund werben. Auf diesen Veranstaltungen gibt es jeden Abend türkisches Essen, Musik und Theater.

Auch wenn nicht alle Muslime fasten, ist für die meisten Ramadan der wichtigste Monat im Jahr. Dennoch nimmt man das Ereignis in den großen deutschen Städten kaum wahr. Diese Kundengruppe mit fünf Millionen Menschen können deutsche Lebensmittelketten nur dann erfolgreich umwerben, wenn sie ihnen ein umfassendes Sortiment plus Halal-Produkte anbieten. Es reicht nicht aus, ein paar Waren versteckt ins Regal zu stellen und auf ein gutes Geschäft zu hoffen. Produkte für Veganer oder Italien-Liebhaber werden schließlich auch nicht defensiv vermarktet.

Daher ist Ramadan vor allem für die Ethno-Supermärkte eine lukrative Zeit. Sie machen in diesem Fastenmonat mehr Umsatz, da die Kunden mehr einkaufen. Ihre Handzettel haben sie bereits verteilt, die TV-Spots laufen auf reichweitenstarken türkischen Sendern.

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Über den Autor

Kemal Calik
Chefredakteur des globalen Online-Wirtschaftsmagazins HALAL-WELT. Für die Publikation schreibt er über Lebensmittel, Tourismus, Kosmetik, Finanzen und Digital Commerce. Er hat zuvor als Redakteur unter anderem für das "Börsenblatt", "Der Handel" und "CYbiz" gearbeitet.