Deutschland: Keine Daten über Halal-Fleisch

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Verlässliche Zahlen, Daten und Fakten über Halal-Fleisch in Deutschland gibt es nicht. Weder vom Staat noch von den Branchenverbänden.  

Halal-Fleisch gibt es in Deutschland in zwei Varianten: Fleisch von betäubt oder unbetäubt geschlachteten Tieren. HALAL-WELT wollte vom Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) wissen, wie viele Tonnen betäubtes und betäubungsloses Halal-Fleisch von Rindern, Schafen und Geflügel in den vergangenen Jahren nach Deutschland importiert wurden. „Es liegen für das Bundesgebiet keine Zahlen zu Halal-Fleisch vor“, sagt eine Sprecherin des BMEL. Die Einfuhr von Fleisch geschächteter Tiere aus anderen Ländern unterliege keinem Verbot. Fleisch von Tieren ohne vorherige Betäubung könne daher importiert und verarbeitet werden, ohne dass dies entsprechend gekennzeichnet werden müsse.

Fleisch von in Deutschland betäubungslos geschlachteten Tieren dürfe, so das BMEL, nicht in andere EU-Mitgliedstaaten exportiert werden, da die Ausnahmeregelung für das Schächten gemäß § 4a Absatz 2 Nummer 2 des Tierschutzgesetzes nur für Angehörige bestimmter Religionsgemeinschaften in Deutschland gelte.

In Deutschland darf nur unter vorheriger Betäubung geschlachtet werden, es gibt jedoch genehmigte Ausnahmen. Wie viele Erlaubnisse wurden für betäubungsloses Schlachten bisher an wen erteilt? „Für die Überwachung der tierschutzrechtlichen Vorschriften sind die zuständigen Behörden in den Bundesländern verantwortlich“, sagt die Sprecherin. Eine amtliche Statistik zur Durchführung des Schächtens in Deutschland werde nicht geführt. Unter Schächten versteht man die rituelle Schlachtung eines Tieres ohne vorherige Betäubung.

Statistik erfasst keine religiösen Schlachtungen  

Auch Nachfragen beim Statistischen Bundesamt, beim Verband der Fleischwirtschaft und beim Deutschen Fleischer-Verband brachten nichts. Entsprechende Daten über Halal-Fleisch können auch sie nicht vorweisen. „Unsere Außenhandelsstatistik unterscheidet nicht nach Produktionsarten beziehungsweise religiösen Anforderungen an die Produktion“, sagt der Verband der Fleischwirtschaft (VDF). Auch das Statistische Bundesamt antwortet ähnlich: „Über Halal-Schlachtungen sowie Importe von Halal-Fleisch liegen in der amtlichen Statistik keine Angaben vor, da diese in Deutschland nur im religiösen Umfeld erlaubt sind und durchgeführt werden.“ Rituelle Handlungen würden in der amtlichen Statistik nicht erfasst.

Gero Jentzsch vom Deutschen Fleischer-Verband berichtet, dass sie keine Zahlen über Halal-Fleisch erheben. Der Verband würde auch keine Daten vom Agrarinformationsdienst AMI oder dem Statistischen Bundesamt erhalten.

Ein wenig Information kann das Bundesagrarministerium doch liefern: Eine Anfrage der Europäischen Kommission habe ergeben, dass in den Jahren 2014 und 2015 in Deutschland 4.322 Schafe und Ziegen und 4.470 Geflügel betäubungslos geschlachtet wurden. Betäubunglos geschlachete Rinder gab es keine. Diese Zahlen sind nicht gerade riesig, wenn man sich im Vergleich die Zahlen der Albert Schweitzer Stiftung anschaut. Demzufolge wurden in Deutschland im vergangenen Jahr rund 3,5 Millionen Rinder und knapp zwei Millionen Schafe und Ziegen konventionell ohne bestimmte religiöse Riten geschlachtet.

Unterschiedliche Sichtweisen der Muslime

Wir wollten vom Landwirtschaftsministerium auch wissen, warum es in der Europäischen Union beziehungsweise in Deutschland keine einheitliche, generelle Kennzeichnungspflicht darüber gibt, ob ein Tier mit oder ohne Betäubung geschlachtet wurde. „Die Halal-Kennzeichnung ist keine Pflichtkennzeichnung nach dem EU-Lebensmittelkennzeichnungsrecht, sondern eine freiwillige Kennzeichnung“, sagt die Sprecherin. Der verantwortliche Lebensmittelunternehmer sei dabei grundsätzlich frei in der Art und Weise der Kennzeichnung, solange diese nicht rechtlichen Vorgaben widerspreche oder irreführend für die Verbraucher sei.

Im Rahmen der Beratungen in den Jahren 2008 bis 2011 über die Verordnung (EU) Nr. 1169/2011 betreffend der Information der Verbraucher über Lebensmittel wäre die Forderung einer Kennzeichnung von Fleisch hinsichtlich der Betäubung von Tieren vor der Schlachtung durch das Europäische Parlament eingebracht worden. „Dieses Anliegen fand jedoch keine Mehrheit“, so die BMEL-Sprecherin. Zudem würden in der muslimischen Welt unterschiedliche Vorstellungen darüber herrschen, welche religiösen Anforderungen einzuhalten seien, damit ein Lebensmittel als halal gekennzeichnet werden könne.

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Über den Autor

Kemal Calik
Chefredakteur des globalen Online-Wirtschaftsmagazins HALAL-WELT. Für die Publikation schreibt er über Lebensmittel, Tourismus, Kosmetik, Finanzen und Digital Commerce. Er hat zuvor als Redakteur unter anderem für das "Börsenblatt", "Der Handel" und "CYbiz" gearbeitet.