„Die Aufklärungsarbeit ist sehr intensiv“

Kemal OzanKemal Ozan, Vorstandschef der KT Bank, möchte Islamic Banking in Deutschland etablieren. (Foto: Kemal Calik)

Kemal Ozan ist ein Pionier. Er ist Vorstandschef der ersten islamischen Bank in Deutschland. Wo steht die KT Bank heute, was sind seine Pläne für das kommende Jahr und wann kommt die Kreditkarte für Muslime: ein Interview.    

Herr Ozan, Sie sind vor fünf Monaten in Deutschland mit Islamic Banking gestartet. Was hat Sie am meisten überrascht?
Überrascht sind wir über den großen Informationsbedarf in Deutschland zum Thema Islamic Banking, auch unter den Muslimen. Wir verbuchen seit Eröffnung viele Fragen rund um Islamic Banking und unsere Produkte. Die Tendenz der Nachfrage ist steigend. Die Aufklärungsarbeit ist sehr intensiv.

Sind die deutschen Bankregeln ein Fluch oder ein Segen für Islamic Finance?
Wir haben als Pionier ein in Deutschland bisher unbekanntes Geschäftsmodell eingeführt und mit den Behörden abgestimmt. Unsere Lizensierung lässt hoffen, dass Islamic Banking in Deutschland und der Eurozone langfristig funktionieren und einen wertvollen Beitrag zu einem stabilen und ethischen Finanzmarkt leisten kann. Wir arbeiten daran optimistisch und gut aufgestellt.

Können Sie als islamische Bank sämtliche Produkte wie bei den konventionellen Banken anbieten?
Wir können nicht alle Produkte anbieten, zum Beispiel beteiligen wir uns nicht an spekulativen Geschäften. Dennoch können wir für unsere Kunden etwa 90 Prozent der Bankgeschäfte abwickeln. Im deutschen Bankwesen sind Fonds wichtig. Daher werden wir islamische Fonds, die auf Sukuk basieren, auf den Markt bringen.

In Deutschland leben 4,4 Millionen Muslime. Wie viele davon interessieren sich eigentlich für Islamic Banking?
Vor allem gläubige Muslime interessieren sich für das islamische Bankwesen. Wir haben in einer Studie festgestellt, dass 100.000 Muslime hierzulande uns als ihre Hausbank sehen würden, wenn wir ihnen die gewünschten Produkte anbieten. Derzeit haben wir 60 Prozent arabischsprachige Kunden, 40 Prozent unserer Kunden sind türkischstämmig. Die meisten Kunden, rund 90 Prozent, interessieren sich für eine zinslose Baufinanzierung.

Wie sieht Ihre Hausfinanzierung im Vergleich zu einer konventionellen Finanzierung aus?
Die KT Bank AG gründet mit dem Kunden eine GbR (Gesellschaft bürgerlichen Rechts) und erwirbt nach dem GbR-Modell eine Immobilie. Per sukzessiver Ratenzahlung des Kunden an die Bank gibt die Bank die Anteile an den Kunden weiter. Dies ist eine juristische, finanzamts- und islamkonforme Lösung.

Sie wollen neben Privatkunden vor allem den Mittelstand ansprechen. Wie und mit welchen Produkten wollen Sie diese Unternehmen gewinnen?
Den Mittelstand unterstützen wir als unsere strategische Zielgruppe mit Investitionskrediten und Betriebsmittelkrediten.

Sie bieten bisher keine islamischen Versicherungen an. Wann und welche wird es künftig geben?
Islamische Versicherungen werden wir in der zweiten Hälfte des neuen Jahres anbieten.

Wann werden Sie eine islamische Kreditkarte und Online-Banking anbieten?
In Kürze.

Sie haben einen internen und externen Ethikrat. Wer entscheidet bei Streitigkeiten zwischen den Räten?
Der externe Ethikrat stellt sicher, dass die Bankprodukte mit islamischen Prinzipien vereinbar sind. Eine islamische Bank wie die KT Bank hält sich an die Lehren des islamkonformen Bankwesens und stellt dafür ein Islamic Compliance-Handbuch zusammen. Der Vorstand trägt die alleinige Verantwortung, berät mit dem externen Ethikrat die Islamkonformität der Bankprodukte und entscheidet. Der interne Ethikrat prüft die Entscheidung des Vorstands, ob die Islamkonformität letztlich richtig umgesetzt wurde.

Bei der islamischen Al Rayan Bank in Großbritannien kann man sämtliche Zertifikate für die angebotenen Produkte online abrufen, bei Ihnen nicht. Warum?
Alle unsere Produkte und Dienste durchlaufen einen Neue Produkte Prozess, eine Art TÜV. Die Produkte werden zum Beispiel hinsichtlich rechtlicher, Risikomanagements-, Liquiditätssteuerungs-, und Budgetsteuerungsaspekte geprüft. Auch die Prüfung der Islamkonformität ist zwingender Bestandteil dieses Prozesses. Das heißt, dass all unsere Produkte von Anfang an auch die grundsätzliche Freigabe seitens des Ethikrats haben. Davon zu unterscheiden ist die Zertifizierung, in der die Produkte detailliert auf Unstimmigkeiten geprüft werden. Jede Beanstandung muss dann auch zumindest rechtlich geprüft und möglicherweise Alternativen gesucht werden. Es handelt sich um ein dynamisches iteratives Verfahren.
All unsere Produkte haben die grundsätzliche Freigabe durch den Ethikrat, aber derzeit dauert die Feinabstimmung bei der Zertifizierung an. Dies ist wiederum der Natur der Sache – unserer Pionierarbeit geschuldet.

Wie zeigt sich die islamische Ethik in Ihrer Unternehmenskultur?
Die islamischen, ethischen Werte, welche gleichzeitig universelle Werte sind, sind unsere Unternehmenskultur. Es ist wichtig für uns, dass die Menschen, die hier arbeiten, unser Modell und diese Werte unterstützen, obwohl nicht jeder ein Muslim sein muss. Wir wertschätzen die ethischen und religiösen Traditionen des Islam. Bei den Feiertagen des Islam angefangen, über die täglichen Gebetsrituale bis hin zum ökologischen Unternehmensequipment achten wir neben dem Zinsverbot natürlich auf den roten Faden unserer internen Firmen-Ethik.

Sie sind mit Filialen in Berlin, Frankfurt und Mannheim gestartet. Planen Sie weitere Standorte?
Jeder dritte Muslim lebt in Nordrhein-Westfalen. Das bevölkerungsreiche Bundesland ist zudem das Zentrum etlicher türkischer Unternehmen und der muslimischen Verbände. Daher wollen wir im kommenden Jahr in Köln einen weiteren Standort eröffnen. Wir denken auch an Filialen in München und Hamburg.

Wie viele Kunden möchten Sie bis Ende des Jahres und in den kommenden Jahren gewinnen?
Bis Ende 2017 erwarten wir einen Kundenstamm von 20.000 Geschäftskunden und Privatkunden.

Interview: Kemal Çalık

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Über den Autor

Kemal Calik
Chefredakteur des globalen Online-Wirtschaftsmagazins HALAL-WELT. Für die Publikation schreibt er über Lebensmittel, Tourismus, Kosmetik, Finanzen und Digital Commerce. Er hat zuvor als Redakteur unter anderem für das "Börsenblatt", "Der Handel" und "CYbiz" gearbeitet.

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