Inaia-Verkaufsdirektor Ensar Kuč: „Über Kryptowährungen wird kontrovers diskutiert“

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Ensar Kuč, Sales Director des Fintech Inaia. (Foto: Inaia)

Banking nach islamischen Grundsätzen, Akzeptanz von Bitcoin & Co. und Zinsgeschäfte der ethischen Banken. Ensar Kuč, Sales Director des islamischen Fintech Inaia, im Interview.

Herr Kuč, wem gehört Inaia?
Inaia ist eine deutsche, inhabergeführte GmbH und seit 2007 als Anbieter von islamkonformen Finanzlösungen auf dem Markt. Sie zählt zu den Pionieren des Islamic Finance in Europa. Wir sind ein rein deutsches Unternehmen, das innovative und nachhaltige Lösungen für werteorientierte Kunden entwickelt. Das heißt wir emittieren sorgsam konzipierte, islamkonforme Spar- und Beteiligungsprodukte, welche wir europaweit beraten und vermitteln. Hauptziel dabei ist, dass die Interessen und Bedürfnisse unserer Kunden immer im Vordergrund stehen und wir als langjähriger Partner an ihrer Seite sind. Bereits 2016 wurde Inaia als bester Islamic Finance Provider Europas ausgezeichnet. 

Bieten Sie in Deutschland die gleichen Dienstleistungen wie die islamische Filialbank KT Bank und das Fintech Insha?
Wir verfolgen seit unserer Gründung das Ziel, transparente, innovative und vor allem zukunftsorientierte Lösungen und Dienstleistungen anzubieten. Unser sogenanntes digitales Wunderkind ist der Inaia Gold Dinar Sparplan. Der Inaia Gold Dinar Sparplan ist nach den internationalen Goldstandards, Aaoifi Gold Standard No 57, zertifiziert und ermöglicht Kunden eine islamkonforme und unkomplizierte Investition in physisches Gold. Unterstützt wird das Ganze mit digitalen Lösungen, wie Service-on-Demand Funktionen und einem digitalen Zugang zum Depot. Darüber hinaus bieten wir islamkonforme Investmentfonds an, die von ETFs, über aktiv gemanagte Aktienfonds, bis hin zu Sukuk-Fonds reichen. Auch hier bieten wir ein komplett digital unterstütztes Antrags- und Legitimationsservice an. Dadurch ermöglichen wir unseren Kunden einen bequemen und einfachen Zugang zu islamkonformen Wertpapieren. Kunden können zudem auch ihre vermögenswirksamen Leistungen über Inaia islamkonform anlegen und dabei die staatliche Förderung in Anspruch nehmen. Durch unser geschultes Management bieten wir zudem Vorträge, Seminare und Workshops zum Thema Islamic Finance und Islamic Banking an. Dabei arbeiten wir mit verschiedenen Institutionen, Vereinen und Organisationen zusammen. Unser Management ist ein lizenziertes Mitglied der Aaoifi und als Certified Sharia Advisor and Auditor, CSAA, zertifiziert. Somit betreuen und überprüfen wir Unternehmen, die islamkonforme Leistungen in Deutschland einführen möchten und begleiten sie bei der Etablierung ihrer Angebote. Als Fintech-Unternehmen stellen wir unsere Leistungen digital und agil auf. In den kommenden Monaten werden wir eine digitale Payment-Lösung einführen, das direkte Zahlungsfunktionen speziell für das Inaia Golddepot ermöglichen soll und durch den Einsatz einer Mastercard, sowohl Onlinekäufe, Bargeldabhebungen als auch Zahlungen in Geschäften möglich sind. So können unsere Kunden ganz bequem per Kreditkarte zahlen und weitere Zahlungsverkehr-Funktionen in Anspruch nehmen. Ein weiteres Angebot wird die Immobilienfinanzierungsplattform sein, das auf die bevorzugte Finanzierungsform der Partnerschaft, dem Musharaka-Prinzip aufbaut und ein komplett digitales Prüf- und Antragsprozess beinhaltet. 

An wen richtet sich Ihr Angebot?
Unsere Angebote entstehen durch die Nachfrage unserer werte- und prinzipienorientierten Kunden. Wir kennen ihre Bedürfnisse, da wir dieselben Wünsche haben und den gleichen Spirit leben. Dabei unterscheiden wir weder zwischen Religion, Hautfarbe oder Herkunft. Auch unser Team bei Inaia hat mittlerweile einen Background aus 13 verschiedenen Nationen. Darunter sind verschiedene Religionen und Weltanschauungen vertreten. Im Islamic Finance ist jeder willkommen. Regional liegt unser Hauptfokus derzeit auf dem europäischen Markt. Mittlerweile sind wir außerhalb Deutschlands auch in Österreich, in der Schweiz, in Frankreich und in den Benelux-Staaten vertreten. 

Wie verdient Inaia Geld?
Als Inaia greifen wir auf alle islamisch zugelassenen Einnahmen zurück, wie beispielsweise Einnahmen für Beratung, Service oder Depotführung. Verboten sind wiederum Einnahmen aus Zinsen oder aus anderen islamisch verbotenen Geschäften und Transaktionen. Ganzheitlich betrachtet kommen bei islamkonformen Finanzgeschäften verschiedene islamische Finanzinstrumente wie zum Beispiel Wakala, Murabaha, Mudaraba, Musharaka, Ijara etc. zum Einsatz. Mit diesen Instrumenten ist man auch in der Lage, die im Islam aufgeführten Verbote wie beispielsweise Zinsen, Spekulation, Glücksspiel usw. einzuhalten. 

Selbst in den muslimischen Ländern ist Halal Banking eine Nische. Wie groß ist Ihre Zielgruppe in Deutschland?
Die vorhergehenden Krisen in den letzten Jahren haben die bisherigen Methoden am Finanzmarkt stark in Frage gestellt. Insbesondere spielen die folgenschweren Konsequenzen von Zinsprodukten und kuriosen Produktgestaltungen dieser Zinsprodukte während der Weltwirtschaftskrise eine wichtige Rolle, warum die Prinzipien des Islamic Finance so stark an Bedeutung gewonnen haben. Gerade die Ge- und Verbote aus dem Islamic Finance werden als mögliche Prävention für zukünftige Krisen gesehen und das stärkt entsprechend die Nachfrage nach unseren Finanzlösungen. Dies bestätigt auch die aktuelle Corona-Krise. In Zahlen kann man das folgendermaßen ausdrücken: Aktuell leben in Deutschland laut Angaben der Deutschen Islamkonferenz 5,6 Millionen Muslime und in ganz Europa etwa 16,56 Millionen. Die Anzahl der Muslime welche konsequent nach islamkonformen Finanzprodukten, wie zum Beispiel Immobilienfinanzierung, anfragen würden, liegt laut einer Studie von Ernst & Young aus dem Jahr 2017 bei über 43 Prozent. Bei einer im Jahr 2010 veröffentlichten Studie des deutschen Sparkassenverlags, gaben 48 Prozent der Befragten an, ein islamkonformes Bankprodukt gegenüber einem konventionellen Bankprodukt zu bevorzugen. Durch die stetig wachsende muslimische Population in Deutschland, aber auch in Europa gesamt, erwarten wir weiterhin einen positiven Trend dieser Nachfrage. 

Wie erreichen Sie Ihre potenziellen Kunden?
Wir verwenden verschiedene Instrumente, um an unsere Zielgruppe heranzutreten. Natürlich spielen dabei die digitalen Medien eine wichtige Rolle. Hierbei präsentieren wir unser Unternehmen und unsere Leistungen auf diversen Sozialen Plattformen. Allerdings ist die Weiterempfehlung von zufriedenen Kunden weiterhin der stärkste Kontakt zu neuen Interessenten. Dabei sind die zahlreichen positiven Bewertungen unserer Kunden, die ebenfalls öffentlich zugänglich sind, ein überzeugendes Argument für potenzielle Kunden. Mit einer repräsentativen Anzahl an zufriedenen Kunden wurden wir kürzlich zum Top Dienstleister 2020 gekürt. Uns ist aber auch der persönliche Kontakt zu unseren Kunden wichtig. So sind wir stark vernetzt mit unserer Zielgruppe. Verschiedene Vereine, Studentenvereinigungen, Unis und auch Unternehmen zählen zu unseren Plattformen, wo wir uns mit Kunden austauschen und sie über das islamische Finanzsystem aufklären können. Mit der Halal Hannover erwarten wir eine weitere wichtige Plattform um uns mit Interessenten auszutauschen. 

Ethische Standards spielen bei islamischen Finanzprodukte eine herausragende Rolle. Wer entscheidet bei Ihnen über die Konformität?
Um zu gewährleisten, dass sämtliche Vorschriften regelmäßig umgesetzt werden, lassen wir uns durch eine unabhängige Institution überprüfen. Minhaj Shari’ah Financial Advisory mit Sitz in Dubai überprüft sämtliche Produkte von Inaia nach den Aaoifi Sharia Standards. Hierbei entwickeln international anerkannte Ethikräte und Kommissionen stetig standardisierte und an den gegenwärtigen Bedarf von Fintechs, Banken und Versicherungen abgestimmte Regelwerke. Zu den bedeutsamsten Regelwerken zählen die oben genannten Sharia Standards der Accounting and Auditing Organisation for Islamic Financial Institutions, Aaoifi. 

Was unterscheidet Ihr Fintech von den ethischen Banken wie GLS und Triodos? 
Bei dieser Frage möchte ich zunächst auf die Gemeinsamkeiten zu diesen Banken aufmerksam machen. Es freut mich, dass im konventionellen Finanzmarkt die Nachfrage nach nachhaltigen, umweltbewussten und gerechten Produkten größer wird und dass diese Nachfrage immer mehr bedient wird. Mit einem Fintech verbinden wir die Gelegenheit einen Mehrwert für unsere Kunden zu schaffen. Das heißt Jahrhunderte alte islamische Finanzgrundlagen zu harmonisieren mit neuen Technologien, wie beispielsweise vereinfachte digitale Antragsprozesse, on-demand-Funktionen, etc. Dadurch ermöglichen wir unseren Kunden einen komfortablen Zugang zu ihren Investments und automatisierte, bedarfsorientierte Funktionen. Genau wie diese Banken, legen wir sehr viel Wert auf die ethischen und moralischen Aspekte des Finanzwesens. Das größte Problem bei nicht islamkonformen Institutionen ist aus islamischer Perspektive jedoch das Zinsgeschäft. Auch bei den sogenannten ethischen Banken werden bei bestimmten Produkten Zinsen angeboten und garantiert. Das Islamic Finance wird durch die Regeln und Vorschriften des Islams bestimmt, die festlegen, dass das Einkommen ein Ergebnis aus produktiven wirtschaftlichen Aktivitäten, basierend auf Handel und den Grundsätzen der Profit-and-Loss-Sharing-Verträge sein muss. Zins, im Gegensatz zu einer Gewinn- und Verlustteilung, schafft keinen tatsächlichen Mehrwert, sondern ist eine Kompensation, die lediglich für die Bereitstellung von Kapital ergeben wird. Diese Art von Kapitalertrag ist im islamischen Finanzverständnis strengstens untersagt, vor allem wenn er garantiert wird. 

Muslimische Autoritäten sind beim Thema Kryptowährungen uneins. Wie ist Ihre Meinung, sind Bitcoin & Co. halal?
In der Tat ist das Thema Kryptowährungen im Islamic Finance eine kontrovers diskutierte Angelegenheit und es gibt bis dato keine einheitliche Linie. Auch für uns ist es schwierig eine eindeutige Aussage zu treffen. Denn auch im konventionellen Finanzmarkt gibt es keinen gemeinsamen Nenner. Einige Länder und Finanzhäuser betrachten Kryptowährungen als Vermögenswerte, andere betrachten sie als immaterielle Vermögensgegenstände und andere wiederum betrachten sie als Handelsgüter. Nach meinem Wissensstand hat noch kein Land den Kryptowährungen bisher einen gesetzlichen Status eingeräumt. Eher haben sie einige Staaten verboten und nicht als Zahlungsmittel anerkannt. Da auch wir diese Fragestellung tiefgründig klären möchten, beschäftigen sich unsere beiden Geschäftsführer intensiv mit dieser Thematik. Sie promovieren unter anderem zum Thema Blockchain, um zukünftige Services und Produkte mit dieser Technologie islamkonform abbilden und anbieten zu können. 

Vor mehr als 15 Jahren haben islamische Holdings wie Yimpaş, Jetpa oder Kombassan ihre Anleger um Milliardenbeträge geprellt. Auch viele Menschen in Deutschland wurden betrogen. Hatten und haben die Machenschaften dieser Unternehmen negativen Einfluss auf Ihr Geschäft? 
Ganz und gar nicht. Eher nutzen wir diese Erfahrungen in den Beratungen, um unsere Kunden aufzuklären, wie sich seriöse Unternehmen in Deutschland erkennen lassen und worauf es bei der Vertragsgestaltung ankommt, um eine rechtlich fundierte Basis und eine ausreichende Transparenz zu gewährleisten. Leider haben damals viele Anleger im guten Vertrauen in diese Holdings investiert, ohne über Struktur, Islam- und Rechtskonformität und genaue Gewinnallokationen informiert zu werden. Diese Unternehmen und deren Beteiligungen waren weder islamkonform zertifiziert, noch wurden sie von islamischen Finanzunternehmen angeboten, bzw. als legitime Investments anerkannt. Besonders die neue Generation kennt mittlerweile den Unterschied zwischen sogenannten Holdings und zertifizierten Islamic Finance Anbietern, die nach strikten Regeln arbeiten und regelmäßig geprüft werden. In unserem Fall ist es so, dass bestimmte Dienstleistungen, die wir anbieten, eine Zulassung der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) benötigen. Andere Produkte wiederum werden durch unabhängige Wirtschaftsprüfungsgesellschaften geprüft. Zudem sind wir als GmbH dazu verpflichtet, unsere Jahresabschlüsse im Bundesanzeiger zu veröffentlichen und unsere Ergebnisse zur Einsicht bereit zu stellen. Unser Unternehmen verfügt zudem über die notwendigen Lizenzen, wie beispielsweise § 34f Abs. 1 Satz 1, § 34d Abs. 1 GewO, um Finanz- und Versicherungsinstrumente anzubieten. Diese Lizenzen dienen sowohl als Nachweis der fachlichen Kompetenz, als auch der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit. Somit sind genügend Mechanismen vorhanden, um unsere Seriosität zu belegen. In unserem Fall kommt noch hinzu, dass wir seit mehr als 13 Jahren auf dem Markt tätig sind und entsprechende Erfahrungswerte und Referenzen vorweisen können. Wie bereits erwähnt, wurden wir letzte Woche vom Kundenbewertungsportal Ausgezeichnet.org zum Top-Dienstleister 2020 gekürt. 

Sie sind einer der Aussteller auf der Halal Hannover 2021. Welche Ergebnisse erwarten Sie von Ihrem Messeauftritt?
Die Halal Hannover 2021 hat für uns eine besondere Bedeutung. Seit dem ersten Tag, als mir Christoph, Projektdirektor der Deutschen Messe AG, von der Idee einer Halal-Messe berichtet hat, war ich Feuer und Flamme. Nach mehreren Gesprächen und einem regen Austausch mit Christoph und seinem Team von Beginn an, sind wir mittlerweile nicht nur ein Aussteller, sondern vielmehr ein aktiver Gestalter und fachlicher Ansprechpartner der ersten Halal-Messe in Hannover. Wir werden eine neue und innovative Plattform haben, um uns sowohl digital als auch persönlich mit unseren Kunden und Interessenten auszutauschen. Dadurch können wir das Thema Islamic Finance einem breiten Publikum vorstellen und Medien, Wirtschaft und Politik davon überzeugen, dass dieses Thema längst in Europa angekommen und ein elementares Geschäftsfeld geworden ist. Außerdem ist geplant einen Fachvortrag zu halten und über das islamische Finanzwesen aufzuklären. Die Messebesucher werden die Chance haben, uns näher kennenzulernen, Fragen zu stellen und sich über aktuelle und geplante Angebote zu informieren. Besonders spannend werden Details zu unseren neuen Produkten sein, die wir bis dahin auf dem Markt bringen wollen.

Interview: Kemal Çalık