„Islam fordert den schonenden Umgang mit Tieren ein“

STS-Geschäftsführer Hansuli Huber. (Foto: Schweizer Tierschutz STS)STS-Geschäftsführer Hansuli Huber. (Foto: Schweizer Tierschutz STS)

Seit 1891 ist in der Schweiz das Schlachten ohne vorherige Betäubung verboten. Hansuli Huber vom Schweizer Tierschutz STS über Deklarationspflicht für Halal-Importfleisch, mangelhafte EU-Standards und anständige Preise.

Herr Huber, Halalfleisch gibt es mit und ohne Betäubung. Ist Schächten im Vergleich zur konventionellen Schlachtung Tierquälerei?
Während es Jahrtausende lang keine Alternativen zum gängigen Töten gab, kennt man heute verschiedene hochwirksame Betäubungsarten, welche Lämmern, Kälbern, Rindern oder Geflügel viel Schmerzen, Angst und Leiden ersparen beim Schlachten. Es ist aus Sicht des Tierschutzes unverständlich, solche moderne Betäubungstechnologien nicht anzuwenden. Wie immer beim Tierschutz spielt auch hier der Faktor Mensch eine große Rolle. Konsequente Schulungen und Kontrollen im Schlachthof sind deshalb sehr wichtig.

Die muslimischen Gelehrten sind sich bei der Frage, ob das Fleisch halal ist oder nicht, wenn es betäubt geschlachtet wird, nicht einig. Wie wollen Sie die Gegner der Betäubung überzeugen?
Gerade weil der Islam spezifische Speisevorschriften und explizit auch einen schonenden Umgang mit Tieren einfordert, gilt es nach meinem Dafürhalten, die modernen Betäubungstechnologien anzuwenden, um dadurch Leid und Schmerzen der geschlachteten Tiere zu minimieren.

Sie sagen, dass der Hintergrund des importieren Dönerfleischs weitgehend unbekannt ist. Und dass dieses Fleisch aus Tierhaltungen stammt, die nicht einmal die Minimalvorschriften des Tierschutzgesetzes in der Schweiz erfüllen. Warum?
Im Gegensatz zur umfassenden Schweizer Tierschutzgesetzgebung sind die Tierschutz-Richtlinien der EU auf gewisse Tierarten beschränkt und im Vergleich mit der Schweiz noch lascher. So gibt es beispielsweise keine detaillierten und umfassenden Vorschriften zur Haltung von Schafen, Ziegen, Kühen oder Puten in der EU. Im Gegensatz zur Schweiz lassen die EU-Vorschriften für Kälber etwa strohlose Mastbuchten und bei Hühnern fensterlose Ställe zu, in die man 50 Prozent mehr Tiere pro Fläche pferchen kann. Da die Fleischnachfrage der acht Millionen Einwohner der Schweiz zwingend Importe bedingt, kommen im großen Stil solche tierschutzwidrigen Herkünfte in die Schweiz, ohne dass die Verbraucher das beim Kauf erkennen können.

Auch in Deutschland und der Schweiz werden hitzige Debatten über die Halal-Schlachtung geführt. Viele Muslime halten diese als oberflächlich getarnte Hetze gegen den Islam. Wie grenzen Sie sich als Tierschutzorganisation von Radikalen ab?
Wir machen konsequent und unabhängig unsere Arbeit, was bedeutet, dass wir alle unsere Tierschutzforderungen fachlich und wissenschaftlich, vor allem mit verhaltensbiologischen und veterinärmedizinischen Studien, begründen. Dabei ecken wir selbstverständlich immer wieder einmal an, sei es bei uneinsichtigen Tierhaltern, Transporteuren oder Metzgern. Uns wurde allerdings noch nie Hetze gegen den Islam vorgeworfen, auch wenn wir konsequent das Betäuben vor dem Töten vertreten.

Der konservative CVP-Nationalrat Yannick Buttet hat die parlamentarische Initiative „Einfuhr von Halalfleisch von Tieren, die ohne Betäubung geschlachtet wurden“ eingereicht. Der Politiker verlangt darin eine Deklarationspflicht für importiertes Halalfleisch. Die Bestimmungen sollen allerdings nur für Halalfleisch, aber nicht für den Import von koscherem Fleisch gelten. Finden Sie das in Ordnung?
In der Schweiz gibt es seit langem eine Deklarationspflicht für Halal- und Koscherfleischimporte, welche von Tieren stammen, die ohne vorherige Betäubung geschlachtet wurden. Das heißt die Gleichbehandlung ist seit jeher erfüllt. Diese Deklaration gilt indessen nur für den ersten Verkaufsort des Fleisches nach dem Import. Nun wurde aber offenbar in der Westschweiz immer wieder festgestellt, dass Halalfleisch von dieser ersten Verkaufsstelle gekauft und dann in anderen Metzgereien und Restaurants angeboten wurde, undeklariert, was legal war. Diese Lücke will der erwähnte Vorstoß schließen. Dieser Zwischenhandel konnte durchaus lukrativ sein, da Halalfleisch relativ günstig und in weit höheren Mengen als Koscherfleisch ins Land gelangt.

Australien, Neuseeland und Brasilien sind wichtige Exporteure von Halalfleisch in muslimische Länder. Wie gut sind die Tierschutzstandards in diesen Ländern?
Australien und Neuseeland bemühen sich um bessere Standards, auch Brasilien. Gerade weil sie Exporteure sind, achten sie auf die Wünsche ihrer Abnehmer. Die Schweiz hat das erkannt. Diverse Handelsketten haben sich tierschutzkonforme Importe nach Schweizer Tierschutzvorschriften auf die Fahnen geschrieben. Das heißt sie kaufen nicht mehr in einem anonymen Massenmarkt sondern arbeiten mit Anbietern vor Ort zusammen, um die gewünschte Qualität zu kriegen und garantieren zu können. So stellen neben den beiden größten Schweizer Handelsketten, Migros und Coop, auch Aldi und Lidl, die Nummern drei und vier im Schweizer Lebensmittelgeschäft, ihr Import-Geflügelfleisch auf den Schweizer Standard um.

Die Betäubungspflicht vor dem Schlachtschnitt existiert neben der Schweiz bislang lediglich in Liechtenstein, Island, Norwegen, Schweden und Neuseeland, schreiben Sie in Ihrem Halal-Fleischreport vom Jahr 2012. Ein überraschendes Ergebnis. Sind seitdem neue Länder hinzugekommen und warum ist Deutschland nicht aufgeführt?
Nach meinem Wissensstand kann man in Deutschland aus religiösen Gründen auf Gesuch von der Betäubungspflicht entbunden werden. Neuseeland und Australien, die insbesondere mit ihrem Lammfleisch Südostasien aber auch Europa in großem Stil bedienen, schlachten Rinder und Schafe nach meiner Kenntnis halal-konform, mit vorrangiger Elektrobetäubung.

Sie haben vor zwei Jahren eine weltweite Umfrage zum Tierschutzstandard bei Nutztieren durchgeführt. Was waren die wichtigsten Ergebnisse der Befragung?
Um den Schutz von Nutztieren, etwa Haltung, Transport und Schlachtung, steht es leider weltweit sehr schlecht. Nur die Schweiz und Österreich verfügen über umfassende Tierschutzgesetzgebungen. Bereits der EU-Standard weist erhebliche Mängel und große Lücken auf. In Nord- und Südamerika, Afrika, Asien, et cetera gibt es oft nur rudimentäre Vorschriften, die zudem kaum kontrolliert werden. Das ist ein alarmierender Befund, da weltweit die Tierhaltung in ganz großem Stil aufgebaut wird und mittlerweile Milliarden von Tieren betroffen sind.

Welche drängendsten Probleme müssen die Länder aktuell anpacken, damit es den Tieren besser geht?
Für mich als Tierschützer ist der weltweite Boom der Massentierhaltung und von Tierfabriken zur Ankurbelung des Milch-, Fleisch- und Eierkonsums eine erschütternde Entwicklung. Ich kann es zwar nachvollziehen, dass in Ländern, denen es solange schlecht ging und die nun wirtschaftlich prosperieren, viele Menschen jetzt solche Produkte vermehrt nachfragen. Wir hatten dieselbe Entwicklung auch in der Schweiz, als nach dem Zweiten Weltkrieg der Fleischkonsum bis Mitte achtziger Jahre auf 72 Kilogramm pro Kopf anstieg. Seither sinkt er aber wieder und liegt aktuell bei etwa 52 Kilogramm pro Kopf. Aber man muss sich vorstellen, unter welch brutalen Bedingungen, ohne jeglichen Schutz, heute jedes Jahr Milliarden von Tieren gemästet, transportiert und geschlachtet werden. Zur Ernährung dieser Tiere müssen viele Äcker umgenutzt werden, statt dass auf ihnen pflanzliche Produkte zur menschlichen Ernährung erzeugt würde. Die Lösung muss auf mehreren Ebenen gesucht werden. Erstens: Ein maßvoller Konsum von Fleisch, Eiern und Milchprodukten, wobei pflanzliche Produkte den Hauptteil unserer Ernährung ausmachen sollten. Zweitens: Das Schaffen von konsequenten Tierschutzgesetzen, deren Vorschriften in der Praxis dann auch kontrolliert werden. Drittens: Faire, anständige Preise für die Bauern, damit sie nicht 100.000 Hühner mästen oder 1.000 Kühe melken müssen, um ihre Kosten begleichen und das Leben ihrer Familie sicherstellen können.

Interview: Kemal Çalık

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Über den Autor

Kemal Calik
Chefredakteur des globalen Online-Wirtschaftsmagazins HALAL-WELT. Für die Publikation schreibt er über Lebensmittel, Tourismus, Kosmetik, Finanzen und Digital Commerce. Er hat zuvor als Redakteur unter anderem für das "Börsenblatt", "Der Handel" und "CYbiz" gearbeitet.