Islam und die Medien: Nachhaken erwünscht

JournalistJournalismus: Zuhören, Fakten sammeln und genau berichten. (Foto: John-Mark Kuznietsov / Unsplash)

Salafisten nutzen für das Anwerben von jungen Leuten auch Halal-Lebensmittelläden, haben die Medien kürzlich berichtet. Noch mal genauer nachfragen bei den Sicherheitsbehörden wäre gut gewesen.

„Halal-Label im Visier der Ermittler“, titelte die „Welt“. Die Salafisten-Szene versuche junge Leute auch in Läden mit Halal-Produkten anzuwerben. Nun beobachte der Verfassungsschutz die Geschäfte. Auch die Frankfurter Rundschau, Frankfurter Neue Presse, FAZ und der Mannheimer Morgen haben unter anderem darüber berichtet. Die Nachrichtenquelle war die Deutsche Presseagentur (dpa).

In der „Welt“ ist zu lesen:

Bei der Suche nach Radikalisierungsorten der Salafisten-Szene sind die Sicherheitsbehörden bereits rund um Moscheen und Gebetsräume unterwegs. Mittlerweile rückt aber auch das Umfeld kleinerer Läden, die sich besonders auf muslimisches Konsumverhalten spezialisiert haben, ins Visier des Verfassungsschutzes.

Und weiter heißt es:

Die häufig mit dem Aufkleber oder Label „Halal“ (erlaubt) werbenden Shops könnten zu einem Szenetreff werden, da Salafisten besonderen Wert auf den Konsum solcher Produkte legten, sagte der Präsident des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz, Robert Schäfer.

Die meisten Medien haben den dpa-Bericht entweder komplett oder gekürzt übernommen. Die Frankfurter Neue Presse hat das Thema nach ihrem ersten Pressebericht einen Tag später erneut aufgegriffen und bei der IHK Frankfurt, dem Handelsverband Hessen und beim hessischen Verfassungsschutz nachgefragt:

Wie viele solcher Geschäfte im Rhein-Main-Gebiet angesiedelt sind, kann die Industrie- und Handelskammer Frankfurt (IHK) nicht genau sagen. Zahlen kann auch der Handelsverband Hessen Süd nicht liefern.

Dass nur wenige Medien weitere Fakten gesammelt und darüber berichtet haben, ist unerfreulich. Dabei gäbe es viele Fragen. In den Beiträgen wird die Salafisten-Szene mit einem anderen – weltweit immer wichtiger werdenden Thema – halal – verknüpft. Salafisten würden besonderen Wert auf den Konsum von Halal-Produkten legen, heißt es in den Medien. Haben Salafisten ein Monopol auf halal? Die meisten Muslime halten sich an die religösen Speisevorschriften.

Es gibt in Deutschland über 10.000 Lebensmitteläden, die von Händlern mit Wurzeln in der Türkei oder den arabischen Ländern betrieben werden. Sie haben alle Halal-Waren im Angebot: Frischfleisch, eingepackte Würste, Süßwaren, Tiefkühlkost. Wie stellen Sie sicher, dass die Eigentümer und Konsumenten der ethnischen Geschäfte nicht in Generalverdacht gestellt werden, haben wir daher beim hessischen Verfassungsschutz nachgefragt.

„Wir möchten betonen, dass sich Präsident Schäfer gegenüber der Presse in keiner Weise wertend zu Halal-Produkten oder über Geschäfte, die diese vertreiben, geäußert hat“, sagt Marcus Gerngroß, Pressesprecher des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz. Seine Äußerungen hätten sich ausschließlich auf potenzielle Radikalisierungsräume bezogen, die der hessische Verfassungsschutz nicht nur, wie häufig von Medien dargestellt, im Hinblick auf Moscheen wahrnehme.

In Deutschland machen nicht nur Populisten und Radikale Stimmung gegen Muslime. Was tut der Verfassungsschutz, dass aufgrund seiner Äußerungen nicht noch mehr gegen Muslime und halal gehetzt wird? „Das Landesamt beobachtet – seinem gesetzlichen Auftrag entsprechend – keine Religion und auch kein Gewerbe, sondern extremistische Bestrebungen“, erklärt Gerngroß. Es gehe keineswegs darum, Geschäfte aufgrund ihres Angebots, Gebetshäuser aufgrund ihrer Religionsausübung oder Menschen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit zu stigmatisieren. „Zudem gilt, dass dadurch keine Konsumenten oder arglose Besucher dieser Örtlichkeit vom Verfassungsschutz beobachtet werden“, so der Sprecher.

 

In den Fokus des Verfassungsschutzes würden ausschließlich extremistische Aktivitäten und Extremisten geraten. Um dem extremistischen Missbrauch des Islam sowie dem Entstehen von Radikalisierungsräumen zu begegnen, warne der Verfassungsschutz vor den vielfältigen salafistischen Rekrutierungsbemühungen, die in Fußgängerzonen und Parks, an Sportplätzen, Imbissen, Moscheen und vielen weiteren Örtlichkeiten stattfinden könnten.

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Über den Autor

Kemal Calik
Chefredakteur des globalen Online-Wirtschaftsmagazins HALAL-WELT. Für die Publikation schreibt er über Lebensmittel, Tourismus, Kosmetik, Finanzen und Digital Commerce. Er hat zuvor als Redakteur unter anderem für das "Börsenblatt", "Der Handel" und "CYbiz" gearbeitet.