„Kochen ist keine Selbstverständlichkeit mehr“

NGIN ConferenceVon links: Ulrich Kerber, Fabian Siegel, Hannah Scherkamp, Hanni Rützler und Tilo Hühn. (Foto: Chris Marxen)

E-Food wird den Handel verändern, sagen Experten. Noch ist der Markt in Deutschland klein, wächst aber schnell. Die Supermärkte werden künftig zu Geschichtenerzählern und Regisseuren für gute Waren.

Essen und Trinken hat sich zunehmend zum Identitätsstifter entwickelt. Schon Ludwig Feuerbach, Vordenker der Gastrosophie, stellte fest: “ Der Mensch ist, was er isst.” Essen und Trinken erfülle gerade für die Generation Y und darüber hinaus mehr und mehr die Funktion eines Identitätsstifters, sagte Lars Wöbcke, ehemaliger Leiter Marketing & Kommunikation bei Nestlé Deutschland, auf der Konferenz „The Future of Food & Beverages“ in Berlin.  Dabei gelte nicht nur die Aussage “You are, what you eat”, sondern zunehmend auch: “You are, what you don’t eat”.

In Zeiten der Beschleunigung ist “Kochen keine Selbstverständlichkeit mehr”, so die Food-Expertin und Gründerin des futurefoodstudios, Hanni Rützler. Auch die Zunahme an neuen Technologien und der Zugang zu mehr Informationen, bedeute nicht automatisch, dass mehr gekocht wird.

Doch Rützler bleibt positiv: “Wir erobern das Kochen wieder zurück.” Zum Beispiel durch Konzepte, wie die “Social Cooking”-App Homely, die Menschen weltweit ein gemeinsames Kocherlebnis per Augmented Reality ermöglichen möchte. Renzo Vallejo, der mit seiner App-Idee einer der Gewinner der Crowdstorm-Initiative geworden ist, bringt es auf den Punkt: “Kochen vermittelt dieses Gefühl von Heimat, das Gefühl, zu Hause zu sein. Jedes Rezept ist mit Menschen und ihrer Geschichte verbunden. Der Orangenkuchen meiner Großmutter bedeutet für mich ‘Zuhause’.”

Der Kunde wird schlauer

“Gefühlt hat sich in den letzten fünf Jahren bei den Verbraucherbedürfnissen mehr geändert, als in den 15 Jahren zuvor”, so Lars Wöbcke. Dies zeige sich nicht nur in wandelnden Wertvorstellungen, sondern auch in einer neuen Achtsamkeit. Hanni Rützler sieht es als Chance an, “dass man wieder wissen möchte, was man isst.”

Marius Swart, Global Director Innovation & Entrepreneurship bei Coca-Cola, ergänzt: “Der Kunde wird schlauer, da er inzwischen viel mehr Daten zur Verfügung hat.” Um Kundenbeziehungen dennoch auszubauen, müsse die Branche transparenter agieren, denn je. In einem sind sich alle einig: Der Markt und seine Stakeholder befinden sich im stetigen Wandel. Innovative Technologien, der Wertewandel und die neue Achtsamkeit verändern, wie wir essen und trinken. Der Kunde ist schlauer, hinterfragt mehr und ist weniger markentreu.

“Aktuell wird fast die Hälfte aller hergestellten Produkte weggeschmissen”, so Fabian Siegel, Entwickler von Marley Spoon , einem Lieferservice, der Kochen – ganz ohne Einkauf und dennoch mit frischen Zutaten und saisonalen Rezepten – ermöglicht. Man müsse wissen, was die Leute essen wollen, dann könne man das direkt anschaffen und den Kunden liefern. Genau dies ermögliche der Service.

Handel inszeniert Waren

Eine Frage drängt sich daher auf: Ist der Supermarkt dem Untergang geweiht? Schließlich kann der Kunde inzwischen auch direkt mit dem Hersteller verbunden werden. “Ich glaube, dass sich mehr und mehr Handel in Richtung online bewegt. Das ist im Bereich Lebensmittel noch nicht passiert, wird aber noch stattfinden”, so Siegel.

Der Lebensmittelhandel müsse vor allem lernen, Inspiration zu geben, Geschichten zu erzählen und Wertschätzung für Lebensmittel zu inszenieren, die es nicht das ganze Jahr über zu kaufen gibt, um seine Relevanz zu bewahren, ergänzt Hanni Rützler.

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