„Muslimische Verbraucher wollen wissen, woher ihr Fleisch stammt“

LebensmittelIn etlichen Lebensmitteln verbergen sich tierische Inhaltsstoffe. (Illustration: Ömer Yaprakkiran | www.yaprakkiran.de)

Die Suchmaschine „HalalCheck“ verrät, welche versteckten tierischen und alkoholischen Inhaltsstoffe Lebensmittel enthalten. Die Macher: Dilara Faslak und Isa Malkoç. Ein Interview über Transparenz, Rechtsschulen – und das Thema Fleisch.

Frau Faslak, Herr Malkoç: Was ist HalalCheck?
Faslak: HalalCheck ist eine Suchmaschine für Lebensmittel, die sowohl im Web als auch über mobile Applikationen für iOS- und Android-Systeme in kompakter Form unterwegs nutzbar ist. Das Projekt wurde 2010 von Isa Malkoç ins Leben gerufen und wird von freiwilligen muslimischen Geschwistern speziell für Menschen angefertigt, die nähere Informationen zu den versteckten tierischen und alkoholischen Hilfs- und Inhaltsstoffen der Lebensmittel benötigen.

Wie funktioniert die Suchmaschine genau?
Malkoç: Zunächst werden Hersteller diverser Produkte von unserem HalalCheck Produktanalyse-Team schriftlich kontaktiert und nach ausführlichen Informationen bezüglich der Produktherstellung gebeten. Hierbei ist es uns wichtig zu erfahren, ob neben den deklarierten Inhaltsstoffen zusätzlich nicht-vegetarische oder alkoholische Substanzen als Hilfs- oder Zusatzstoff in dem Produkt eingesetzt werden. Anschließend werden die Antworten analysiert und in die HalalCheck-Datenbank aufgenommen. Die Ergebnisse sind nach Freigabe von Administratoren in Echtzeit auf unserer Webseite www.halalcheck.net und in unseren HalalCheck-Apps mithilfe der Suchmaschine oder der Barcodescanner zu sehen.

Faslak: Dabei steht die Farbe grün dafür, dass das jeweilige Produkt keinerlei alkoholische oder tierische Hilfs- und Inhaltsstoffe beinhaltet. Da das Verzehren von Eiern, Milch, Honig und Fisch nach islamischen Speisevorschriften erlaubt, also halal, sind und keine weiteren Vorschriften bedürfen, werden diese als nicht-tierisch eingestuft. Die rote Farbe zeigt auf, dass in dem Produkt Inhaltsstoffe wie Alkohol als Zutat, Gelatine vom Schwein, Zutaten oder Fleisch von einem Ursprung, der durch den Konsens der Gelehrte eindeutig als haram einzuordnen ist, stammt. Von jenen Produkten sollten alle Muslime Abstand halten. Alles, was sich dazwischen befindet und nicht einheitlich zu halal oder haram einzuordnen ist, wird mit der Farbe orange gekennzeichnet. In diesem Fall empfehlen wir unseren Nutzern unsere www.halalwiki.net Seite als weitere Informationsquelle zur Rate zu ziehen, um die Erläuterungen und Ansichten der Rechtsschulen und Gelehrten durchzulesen. Im Anschluss sollte jeder muslimische Verbraucher selbst entscheiden, ob er das Produkt verzehren möchte und sollte im Zweifel einen Gelehrten seines Vertrauens aufsuchen. Das Fragezeichen deutet daraufhin, dass keine genauen Informationen vorliegen oder der Hersteller die Fragen nicht ausreichend beantwortet hat.

Wenden Sie sich an eine bestimmte Zielgruppe?
Malkoç: HalalCheck richtet sich nicht nur an muslimische Verbraucher, sondern auch an Vegetarier, Veganer, Alkoholiker und Andersgläubige. Das Ziel dieses Projektes ist es, für alle interessierten Verbraucher mehr Transparenz und Erleichterung sowohl beim Einkaufen, als auch im Alltag, zu etablieren.

Ihre Informationen basieren auf Eigenaussagen der Lebensmittelhersteller. Wie können Sie die Richtigkeit der Angaben überprüfen?
Faslak: Da wir kein Zertifizierungsinstitut sind, liegt es leider nicht in unserer Hand die Richtigkeit der Herstelleraussagen zu überprüfen. Eine weitere Möglichkeit für die Prüfung der Richtigkeit wäre, die Produkte in einem Labor untersuchen zu lassen, dies jedoch ist sehr kostspielig und kann durch unser gemeinnütziges Projekt nicht getragen werden. Wir bemühen uns jedoch, so genaue und vollständige Angaben wie möglich zu erfassen. Des Weiteren schließen wir es aus, dass ein Unternehmen willentlich inkorrekte Informationen raus geben würde, da sie gesetzlich dazu verpflichtet sind, wahrheitsgemäß zu antworten und wir diese Informationen sowohl über unsere Systeme, als auch über soziale Medien an die Verbraucher weiter geben. Andererseits müssten sie beispielsweise bei einer Unverträglichkeit oder einer allergischen Reaktion mit den Konsequenzen rechnen.

Die Unternehmen ändern hin und wieder die Inhaltsstoffe ihrer Produkte. Wie oft aktualisieren Sie die Daten?
Faslak: Erfahrungsgemäß führen Hersteller Änderungen im positiven Sinne durch. Sie steigen beispielsweise auf vegetarische Alternativen um, damit sich ihr Kundenkreis erweitert, sodass auch Vegetarier, Veganer und Muslime von den Produkten profitieren können. Wir versuchen die Angaben stets aktuell zu halten und führen Aktualisierungen durch, sobald uns Änderungen bekannt sind oder die Herstellerantwort etwas länger als zwei Jahre alt ist. Auch sind wir in der glücklichen Situation, dass wir sowohl von unseren Anwendern, als auch von Unternehmen auf Änderungen hingewiesen werden.

Wie können Produzenten von Ihrem Angebot profitieren?
Malkoç: Es gibt viele Möglichkeiten, um Synergien zu entwickeln. Die Unternehmen sind stark daran interessiert, ihre Produkte an viele Konsumenten zu verkaufen, insbesondere auch an muslimische Konsumenten. Aus diesem Grunde haben viele Unternehmen bereits einen großen Teil ihrer Produkte zertifizieren lassen. Diese Zertifikate werden aber in der Regel für den Verkauf an islamische Länder eingesetzt. Hier bildet HalalCheck eine Schnittstelle zwischen Unternehmen und den Konsumenten. In unserem System können auch solche Zertifikate hinterlegt werden. Des Weiteren profitieren immer mehr Unternehmen davon, dass die Anfragen einmal und fachlich sinnvoll von einer Quelle, also von unserem HalalCheck Produktanalyse-Team kommen und an die Konsumenten verteilt werden. Dies verringert enorm die Anzahl der Anfragen bei den Herstellern nach Produkten und Inhaltsstoffen. In naher Zukunft werden wir das System soweit erweitern, dass die Unternehmen selber ihre Produktdaten und Zertifikate aktualisieren können.

Sie legen nicht fest, ob ein Produkt halal oder haram ist. Was sind die Gründe dafür?
Faslak: Genau, bei HalalCheck werden keine Produkte als halal oder haram klassifiziert. Dies wird aufgrund der Vielzahl an Meinungsverschiedenheiten sowohl innerhalb der Rechtsschulen, als auch unter den heutigen Gelehrten, bewusst so gehandhabt. Das Ampelsystem wurde aus diesem Grund so entwickelt, dass sowohl alle Muslime, als auch Vegetarier, Alkoholiker und Andersgläubige HalalCheck vielfältig einsetzen können.

Hauptsächlich beim Fleisch achten die Muslime darauf, ob es halal ist oder nicht. Es taucht aber nicht in Ihrer Datenbank auf. Warum?
Faslak: Fleischprodukte werden erstmals nicht in die Datenbank aufgenommen, da unser derzeitiges System für Fleischprodukte nicht kompatibel ist. Des Weiteren liegt die Hauptproblematik in der Frage der Tierhaltung und Schächtung mit oder ohne Betäubung. Viele Unternehmen meiden aber die schriftliche Beantwortung jener Fragen, obwohl ein Großteil der muslimischen Verbraucher wissen wollen, woher ihr Fleisch stammt und zudem eine betäubungsfreie Schächtung bevorzugen. Die Erweiterung um Fleischprodukte ist jedoch in Planung.

Ein Blick in die Zukunft: Wie geht es weiter mit HalalCheck?
Malkoç: HalalCheck existiert seit 2010 und wird immer weiter verfeinert und auf die Bedürfnisse der Anwender angepasst. Aus einer Idee ist ein Produkt geworden. Aus einem einfachen Produkt wurde eine vertrauensvolle Quelle. Die Nachfrage und das Feedback nach unserer Applikation ist stetig gestiegen. Dies liegt aber auch daran, dass Menschen mehr Transparenz möchten. Wir danken unseren Usern sehr über das Feedback, was sie uns schicken. Die meisten Verbesserungs- und Erweiterungswünsche, die wir bekommen, decken sich mit unserer Roadmap. Da wir eine handvoll Menschen sind, die gemeinnützig diese Tätigkeit verrichten, schaffen wir es leider nicht so schnell alles umzusetzen, wie es sich unsere Anwender und wir es uns gerne wünschen. Jeder, der an unsere Vision für mehr Transparenz glaubt und unterstützen möchte, ist herzlich willkommen.

Interview: Kemal Çalık

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Über den Autor

Kemal Calik
Chefredakteur des globalen Online-Wirtschaftsmagazins HALAL-WELT. Für die Publikation schreibt er über Lebensmittel, Tourismus, Kosmetik, Finanzen und Digital Commerce. Er hat zuvor als Redakteur unter anderem für das "Börsenblatt", "Der Handel" und "CYbiz" gearbeitet.