„Nicht zu glauben ist unmöglich“

Idil BaydarScharfe Zunge: Künstlerin Idil Baydar wurde mit der Figur Jilet Ayşe berühmt. (Foto: Cengiz Karahan)

Die Künstlerin Idil Baydar ist auf Deutschlands Bühnen als Jilet Ayşe unterwegs. Ein Gespräch über Halal-Gummibärchen, Last-Minute-Weihnachtsgeschenke und den Wunsch der Männer nach Anerkennung.

Frau Baydar, haben Sie Ihre Weihnachtsgeschenke schon besorgt?
Nein, ich werde sie wieder mal auf die letze Minute besorgen und zwar am Vormittag des 24. Dezember.

Und was machen Sie an muslimischen Feiertagen?
Beim Zuckerfest, „Şeker Bayramı“, küsse ich die Hand meines Vaters. Allerdings bin ich nicht wirklich religiös geprägt. Ich habe das alles mitbekommen, habe sehr viel davon profitiert. Jedoch würde ich mich im spirituellen Bereich wiederfinden, weil mir das näher liegt.

Am 23. Dezember treten Sie im Berliner Gorki-Theater mit Ihrer Vorweihnachtsshow „Weihnachten Helal!“ auf. Ist das nicht ein absurder Titel?
Klingt absurd, hat aber einen Kontext zur Realität. Moses eint die drei großen Religionen. Für Christen, Muslime und Juden ist der Prophet eine wichtige Leitfigur, daher blicken die monotheistischen Religionen auf eine gemeinsame Tradition zurück. Insofern ist Weihnachten und helal historisch betrachtet total korrekt. Da wir jedoch in einer Zeit leben, in der man versucht Religionen voneinander zu trennen, ist das natürlich für Menschen, die das hören, erst einmal ungewohnt.

Christen, Muslime, Juden und Heiden sitzen zu Beginn Ihres Stücks am Gabentisch. Dann kommen Sie als Jilet Ayşe auf die Bühne. Ayşe will unbedingt mit Deutschland reden. Was passt ihr nicht?
Jilet Ayşe hat schon das Gefühl, dass man sich nicht richtig zuhört. Deshalb tendiert sie dazu, das was sie sagen möchte, den Menschen ins Gesicht zu schreien. Es gibt eine Menge, über das wir reden müssten. Wir sollten mal darüber sprechen, warum wir bei amerikanischen Staatsbürgern zum Beispiel, wenn sie sich in Deutschland anmelden, „bevorzugter Ausländer“ schreiben. Wir müssten auch darüber reden, warum wir bei Kindern aus unseren Familien, die hier geboren sind, „ndH“, nicht deutscher Herkunft, notieren.

Was hat der Heide am Gabentisch zu suchen?
Der Heide ist, was er ist, der Heide. Passt doch super.

Feiern Sie Weihnachten?
Ich habe gerade mit dem Taxifahrer darüber gesprochen. Er war der Meinung, dass wir es nicht feiern sollten. Selbstverständlich sollten wir es feiern. Auch im Koran wird über Isa, Jesus, berichtet. Insofern spricht nichts dagegen, dass auch Muslime Weihnachten feiern. Denn Jesus war für die Muslime genauso ein wichtiger Prophet.

Vegetarisch, vegan und vor allem bio sind in Deutschland sehr angesagt. Achten Sie darauf, was Sie essen?

Total, ich möchte auf keinen Fall diese Art von Massentierhaltung. Das ist grausam und pietätlos. Ich habe daher Fleisch sehr reduziert, bis zum Punkt Null. Dennoch bin ich nicht so dogmatisch, wenn ich ab und an eine Currywurst esse, ist das auch in Ordnung.

Wie wichtig ist es für Sie, halal zu leben?
Bei den Gummibärchen spielt es definitiv eine Rolle. Ich vertrage keine Gelatine. Gott sei Dank gibt es Halal-Gummibärchen. Mir gefällt an halal, dass man auf die Reinheit der Produkte achtet. Ausbeutung und Waren, die etwa der Umwelt und anderen Menschen schaden, sind tabu. Das ist heutzutage kaum möglich. Wir haben Telefone, in denen Diamanten stecken, die von kleinen afrikanischen Kindern ausgegraben wurden. Oder denken wir an die Sache mit den Pelzen. Den Hunden werden die Pelze abgezogen. Uns werden sie als Kunstpelze verkauft, weil es günstiger ist, die Tiere zu töten als Kunstpelz zu produzieren.

Was finden Sie an den Deutschen und Türken lustig?
Ich finde die Eigenarten sehr lustig. Die deutsche Arroganz und den Herrenrassenkomplex finde ich sehr komisch. Da brauchen sie enorme Entwicklungshilfe. Ich finde, dass jemand, der so viel Entwicklungshilfe für andere leistet, darf auch ruhig Entwicklungshilfe entgegennehmen. Bei uns Türken finde ich die Doppelmoral zum Schreien. Zum Beispiel, wenn jemand sagt: „Ich esse kein Schweinefleisch und alle die es essen, sind dreckig.“ Du aber von ihm weißt, dass er kokst, kifft und Nutten fickt.

Nach Weih­nach­ten schauen die Menschen auf das Jahr zu­rück und ziehen Bi­lanz. Wie sieht Ihr großes Zurückschauen für Deutschland aus?
In diesem Jahr sind uns etliche Dinge bewusst geworden. So ist Deutschland nicht so sicher, wie wir es immer geglaubt haben. Denken wir nur an die Ereignisse in Nizza oder in Berlin. Ich habe immer noch das Gefühl, dass wir nicht die richtigen Fragen stellen. Obwohl wir heute ganz klar wissen, wie der Holocaust entstanden ist. Damals hat man die Juden kollektiv diffamiert. Das passiert gerade mit den Muslimen. Wir sehen offenen Auges zu, wie das wieder passiert.

Was sind für Sie die richtigen Fragen?
Nach den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht wurde die Frage gestellt, warum die ausländischen Männer kein Respekt vor den deutschen Frauen haben. Das ist eine irreführende Frage. Die richtige Frage ist: „Warum werden Männer gewalttätig und wie können wir ihnen helfen?“ Einen durch und durch männlichen Blick haben wir auch auf das Thema Emanzipation. Wenn etwa eine Frau geschlagen wird, dann muss sie ihr Heim verlassen und kommt in ein Frauenhaus. Wieso muss eine Frau mit drei Kindern in ein Frauenhaus? Warum geht der Mann nicht in ein Männerhaus? Interessant ist auch zu sehen, dass Gewalt insbesondere auf ausländische Männer projiziert wird. Fakt ist allerdings, dass in Deutschland Frauen genauso von deutschen Männern geschlagen werden.

Warum werden Männer gewalttätig?
Es gibt verschiedene Ansatzpunkte. Man sollte sich zuerst darüber im Klaren sein, was die tiefen Bedürfnisse eines Mannes sind. Eines der wichtigsten Bedürfnisse ist Anerkennung. Wenn wir den Männern die Anerkennung entziehen, indem wir ihre Kultur angreifen, ihre Männlichkeit schlecht machen oder sonst wie die Anerkennung verweigern, können sie ihr männliches Bewusstsein kaum in Freude leben. Daher sollten wir uns überlegen, wie wir für Männer Lebensräume schaffen können, in denen sie nicht gewalttätig um diese Anerkennung kämpfen müssen.

Zurück zum Gabentisch: Welche Geschenke-Tipps haben Sie für Christen, Muslime, Juden und Heiden?
Mich würde es freuen, wenn sie sich gegenseitig Aufmerksamkeit schenken. Und mit einem guten Blick aufeinander schauen, um heraus zu finden, wo die Konflikte sind, damit wir sie lösen können. Ich würde ihnen zudem raten, sich gegenseitig Anerkennung und Respekt zu schenken. Das würde sie vor Fehlurteilen schützen.

Welche Geschenke würde Jilet Ayşe ihnen überreichen?
Sie würde jedem von ihnen einen Witz erzählen, der sie in irgendeiner Weise verulkt. Eine jüdischen Witz, einen Christenwitz oder einen Witz über Heiden, was ich besonders gern mache. Mich fasziniert an den Heiden, dass sie sagen, dass sie nicht glauben. Aber allein das ist schon ein Glaube. Nicht zu glauben ist absolut unmöglich.

Interview: Kemal Çalık

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Über den Autor

Kemal Calik
Chefredakteur des globalen Online-Wirtschaftsmagazins HALAL-WELT. Für die Publikation schreibt er über Lebensmittel, Tourismus, Kosmetik, Finanzen und Digital Commerce. Er hat zuvor als Redakteur unter anderem für das "Börsenblatt", "Der Handel" und "CYbiz" gearbeitet.

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