Tilman Brunner im Interview: „Auf dem Markt ist immer Bewegung“

Tilman Brunner, Abteilungsleiter International der IHK Hannover. (Foto: IHK Hannover)

Die bundesweite Arbeitsgruppe Halal und Koscher der IHK Hannover feiert ihr zehnjähriges Jubiläum. Tilman Brunner, Abteilungsleiter International der IHK Hannover, über die prägendsten Ereignisse, Halal-Umsätze und zersplitterte Märkte.

Herr Brunner, die Arbeitsgruppe Halal und Koscher der IHK Hannover feiert in diesem Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum. Welche Ziele haben Sie damals mit der Gründung verfolgt?  
Wir wurden von den Unternehmen angesprochen eine Plattform für den regelmäßigen Austausch zu schaffen. Das haben wir dann auch gemacht. Unser Ziel war es, dass sich die Unternehmen, die in den Bereichen halal und koscher aktiv sind, gegenseitig informieren, Erfahrungen austauschen und auch Tipps geben.

Welche Unternehmen sind damals an Sie herangetreten?

Das war im Rahmen einer Veranstaltung. Wir haben damals eine Veranstaltung über die weltweiten Vermarktungschancen für Halal- und Koscher-Produkte durchgeführt, die als einmalige Veranstaltung gedacht war mit rund 80 Teilnehmern. Als allererster trat Herr Kahmann von Symrise an uns heran, nach und nach kamen andere, die sagten, dass ein permanenter Austausch toll wäre.

Wie viele Mitglieder hat die Arbeitsgruppe aktuell und welche Produktgruppen sind vertreten?

Am Start waren es rund 20 Mitglieder. Im Moment haben wir 120 feste Mitglieder und 140 Interessenten, die auch zu den Sitzungen eingeladen werden wollen. Somit sprechen wir für die Sitzungen rund 260 Unternehmen an. Bei jeder Sitzung behandeln wir ein anderes Thema.

Herr Brunner, wenn Sie auf die letzten zehn Jahre zurückblicken, was waren die prägendsten Ereignisse für Sie und auch für die Arbeitsgruppe?

Das wirklich Allerprägendste für mich war, dass wir nun zehnjähriges Jubiläum feiern. Ich hatte am Anfang gedacht, dass wir nur drei- bis viermal tagen und wieder auseinander gehen. Aber das Thema ist in den letzten zehn Jahren immer bedeutender geworden und viele unterschiedliche Bereiche sind neu dazugekommen. Das andere war, dass halal als Thema immer wichtiger und diverser geworden ist. Am Anfang haben wir über ein paar Nahrungsmittel gesprochen und jetzt sprechen wir über die breite Palette an Nahrungsmitteln, aber auch über Kosmetik, Haushalts- und Reinigungs-Produkte, Logistik und Tourismus.

Welche Produktgruppen sind in der Arbeitsgruppe hauptsächlich vertreten?

Die gesamte Produktpalette der Ernährungswirtschaft ist in dem Netzwerk vertreten. Wir haben alles dabei, Hersteller für Nahrungsmittelzusatzstoffe, Fertigprodukte, Getränke etc.

Wo hoch ist der Umsatz deutscher Unternehmen mit Halal- und Koscher-Produkten?

Ich hätte gerne die Zahl, die gibt es aber nicht. Diese haben auch die Unternehmen nicht, weil das nicht trennscharf ist. Allein, wenn man sich die Situation in Deutschland anschaut. Viele deutsche Unternehmen verkaufen Halal-Produkte. Die stehen auch in den entsprechenden Supermärkten und werden von Konsumenten eindeutig als halal wahrgenommen und gekauft. Die Produkte haben aber kein Halal-Siegel drauf. Es ist schwer festzustellen, welche Produkte die Verbraucher bewusst als Halal-Produkt kaufen und welche nicht. Was man aber sicher sagen kann ist, dass der Umsatz mit Halal-Produkten stetig wächst.

Wie hart hat die Corona-Pandemie Ihre Mitgliedsunternehmen getroffen?

Die Nahrungsmittelhersteller waren von der Pandemie wenig betroffen. In einigen Bereichen gab es gar Umsatzzuwächse, etwa bei Backzutaten, da die Menschen teilweise wesentlich mehr gekocht haben als vorher. Insgesamt ist die Ernährungsbranche im Vergleich mit stark betroffenen Branchen wie Tourismus und Messen noch mit einem blauen Auge davongekommen.

Die Arbeitsgruppe ist sowohl national als auch international vernetzt und arbeitet mit unterschiedlichen Organisationen zusammen. Welche Unterstützung bekommt die Arbeitsgruppe etwa von der Bundesregierung oder von anderen Behörden?

Wir bekommen von der Bundesregierung keine finanzielle Unterstützung. Das brauchen wir auch nicht. Wir sind aber dankbar dafür, dass uns das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft ideell unterstützt. So bewerben sie die eine oder andere Veranstaltung von uns und nehmen oft an unseren Sitzungen teil. Sie sind auch immer ansprechbar, wenn sich die Arbeitsgruppe für ein Thema genauer interessiert und es dafür aber keine vernünftige Studie gibt. Wir sprechen dann das Bundesministerium an, ob sie eine Studie über das Thema in Auftrag geben können.

Mit welchen Hindernissen bzw. Herausforderungen müssen die Unternehmen aktuell sowohl auf dem globalen Halal- als auch dem Koscher-Markt kämpfen?
Die Schwierigkeiten sind vergleichbar. Unsicherheit und Zersplitterung gibt es auf beiden Märkten. So braucht man für viele unterschiedliche globale Märkte unterschiedliche Zertifikate, weil in einem Land Zertifikat A anerkannt wird, im nächsten Land Zertifikat B. Für die Unternehmen ist es oft vollkommen unübersichtlich, an welche Zertifizierer sie sich wenden müssen und wie verlässlich es danach auch bleibt. Denn auf dem Markt ist immer Bewegung. Wenn ich heute mit einem Zertifizierer arbeite, der zum Beispiel für Indonesien und die Vereinigten Arabischen Emirate zugelassen ist, heißt das nicht, dass das auch in zwei Jahren der Fall sein wird. Hinter den Kulissen finden alle möglichen Kämpfe statt. Die Instrumente des Protektionismus setzen einige Länder auch in diesen Märkten ein. Sie ändern immer wieder ihre Einfuhranforderungen und führen neue Listen auf, auf denen sich die Zertifizierer akkreditieren müssen. Daher ist es nicht selbstverständlich, dass etwa ein Müsli mit Halal-Zertifizierung weltweit handelbar ist. Bei koscher gibt es ähnliche Probleme, allerdings ist der Halal-Markt noch ein bisschen stärker zersplittert.

Interview: Kemal Çalık

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