Türkische Supermärkte: Ein Produkt hat keine Religion

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von links: Canan Karadağ (Karadağ), Mustafa Demirdaş (Demka), Ihsan Övüt (SMIIC), Mustafa Baklan (Suntat), Batur Babacan (Yayla Türk), Özel Aydın (Senit Global). (Foto: Kemal Calik)

Religionsgemeinschaften, die ihr eigenes Halal-Süppchen kochen, Verbrauchertäuschung und desinteressierte Händler: Auf der Lebensmittelmesse Anuga wurde über die schwierige Zukunft des türkischen Einzelhandels in Europa diskutiert.

„Halal ist ein Lebenkonzept, das neben dem Essen auch in andere Felder des Alltags reicht“, erläuterte SMIIC-Generalsekretär Ihsan Övüt vom Normeninstitut der islamischen Länder den rund 30 Teilnehmern in Köln. „Ein Produkt hat keine Religion“, betonte Övüt auf dem DT Food-Kongress. Daher habe konfessionelles Sektierertum bei Thema halal nichts verloren. Es sei zudem unwichtig, wer die Lebensmittel produziert. Es komme darauf an, ob das Produkt gesund ist und ob es Muslime essen können oder nicht. Die Entscheidung darüber müssten muslimische Zertifizierer treffen. Die Grundlage für die Entscheidung seien nicht irgendwelche selbst gestrickten Regeln, sondern die globalen Halal-Standards der 57 muslimischen Länder.

Für wie viele Kunden der türkischen Einzelhändler ist halal überhaupt interessant? „Rund 50 Prozent unserer Kunden sind Deutsche“, sagte Canan Karadağ, der zehn Lebensmittelsupermärkte in Köln und Umgebung betreibt. Für sie spiele halal keine Rolle. Für die anderen Kunden sei vor allem Halal-Fleisch relevant. Es gäbe allerdings auch Kunden, die intensiv prüfen würden, ob die Zutaten der angebotenen Lebensmittel halal seien oder nicht. 

Niemand will irgendwas wissen

Der Großhändler Mustafa Demirdaş verkauft unter anderem Wurst- und Fleischprodukte. Er kritisierte muslimische Religionsgemeinschaften, die nur von ihnen geschlachtetes Fleisch als halal akzeptieren würden. Sein Unternehmen Demka mit Marken wie Yörem, Özyörem und Destan arbeite mit keinem Zertifizierer zusammen. Der Lebensmittelvertrieb würde selbst die Hersteller kontrollieren, ob sie die Halal-Vorschriften einhalten oder nicht.

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Der Chef vom Großhändler Suntat, Mustafa Baklan, erzählte, dass er vor etlichen Jahren den türkischen Religionsattaché in Berlin gefragt hätte, warum sich die türkische Religionsbehörde Diyanet nicht um das Thema halal kümmert und Lösungen für die muslimischen Verbraucher entwickelt. Passiert sei bisher nichts.

Baklan teilte auch gegen die türkischen Einzelhändler aus: „Ich bin seit über 30 Jahren im Geschäft“, sagte der Mannheimer. Bis heute habe kein einziger Händler angefragt, ob er sich die Halal-Produktion vor Ort anschauen kann – um sich selbst ein Bild zu machen. Woher die Händler dann ihr Wissen über halal beziehen, wurde auf dem Kongress nicht angesprochen.

Batur Babacan von der Krefelder Firma Yayla Türk vermisst eine Vision für halal. Der Vertriebschef  wünscht sich einen übergeordneten Halal-Standard, das über den anderen Standards steht. Zudem findet der Manager, dass man nicht nur auf den Schlachtprozess achten sollte. So würde es auf dem Markt etwa Wurstprodukte mit nur fünf Prozent Rindfleisch geben. Auf der Verpackung würde dann Rindersalami stehen. Für den SMIIC-Generalsekretär Övüt ist das Betrug.

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