„Wenn es um das Geschäft geht, bleibt alles andere außen vor“

İhsan Övüt, SMIIC-Generalsekretär. (Foto: Kemal Calik)İhsan Övüt, SMIIC-Generalsekretär. (Foto: Kemal Calik)

SMIIC ist das Normeninstitut der islamischen Länder. Es setzt sich für einen einheitlichen Standard und eine globale Halal-Qualitätsinfrastruktur ein. Ein Interview mit dem Generalsekretär İhsan Övüt über bisherige Fortschritte, Hindernisse und die Europäische Union.

Herr Övüt, die Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) hat 57 Mitgliedsländer. Von diesen haben 33 die SMIIC-Halal-Standards akzeptiert. Warum sind die anderen Länder nicht vertreten?
Um SMIIC-Mitglied werden zu können, müssen die Länder Institute für Standardisierung haben. Zudem müssen sie den Willen haben, Mitglied zu werden. Die Mitgliedschaft in der OIC gibt ihnen lediglich das Recht, SMIIC-Mitglied werden zu dürfen. Ende dieses Monats werden weitere drei Länder Mitglied von SMIIC. Katar, Kuwait und die Elfenbeinküste.

Malaysia, Indonesien und die Vereinigten Arabischen Emirate etwa haben eigene globale Halal-Standards. Löst dies kein Widerspruch aus, wenn diese Länder die SMIIC-Standards verwenden?
Standards sind im Wesentlichen freiwillige Dokumente. Die verwendeten Standards in diesen Ländern sind inhaltlich gleich. Allerdings handelt es sich bei diesen nicht um globale Standards, sondern um nationale. Nach außen wird jedoch dieses Bild vermittelt. Um global zu sein, müssten auch andere Länder nach diesen Standards produzieren. Das ist natürlich für die muslimischen Länder eine traurige Situation. Allerdings wollen diese Länder ihren Inlandsmarkt schützen und führen daher zusätzliche erschwerende Vorschriften ein. Sie wollen für Importgüter Hindernisse aufbauen. Wie etwa die Pflicht, von den nationalen Autoritäten Genehmigungen einzuholen. Dies steht den Praktiken und Traditionen des Welthandels entgegen. Wir setzen uns bei SMIIC stark dafür ein, dass es einen Standard und ein Zertifikat gibt.

Was machen Sie, damit die SMIIC-Standards auch in der Europäischen Union genutzt werden?
Die SMIIC-Standards können auf der ganzen Welt und von jedem Hersteller verwendet werden. In diesem Kontext sind wir mit jedem in Kontakt. Die muslimischen Zertifizierer in Europa nutzen unsere Standards. Mit der europäischen Kommission sind wir von Zeit zu Zeit direkt oder indirekt in Kontakt. Wenn es aber um das Thema Islam und halal geht, versuchen sie ein wenig auf Distanz zu gehen. Wenn aber Länder wie die Türkei eine solide und transparente Infrastruktur aufbauen, wird auch die Europäische Union ein paar Schritte machen müssen. Wenn es um das Geschäft geht, bleibt alles andere außen vor.

Für die Verbraucher und Hersteller ist ein weltweit akzeptierter Standard wichtig. Welche Hürden müssen sie noch überwinden, um dies zu erreichen?
Eigentlich gibt es kaum Hürden. An der OIC/SMIIC-Standardserie, die derzeit in Kraft ist, haben über 40 Länder aktiv mitgearbeitet und ihr zugestimmt. Sie wird seit fünf bis sechs Jahren überall auf der Welt verwendet. Für die aktuell gültigen Standards ist im Rahmen der Standardisierung, Akkreditierung und Zertifizierung eine Halal-Qualitätsinfrastruktur notwendig. Dafür muss ein bestimmtes Bewusstsein und eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema vorhanden sein. Traditionelle Ansätze sollten vermieden, direkt den Handel betreffende Punkte sollten gemeinsam angegangen werden. Wenn man sich den Themen, die mit der Halal-Branche zu tun haben, nur religiös oder traditionell annähert, kommt man zu unterschiedlichen Ergebnissen. Allerdings muss man die Aspekte Religion, Technik und Erleichterung des Handels gemeinsam betrachten. Es muss auch nicht nur einen Standard geben. Allerdings ist es wichtig, dass man beim gleichen Thema den gleichen Standard hat und alle die Dokumente akzeptieren. Die Türkei hat mit der Gründung der Halal-Akkreditierungsagentur HAK eine Lücke geschlossen. Sie soll dafür sorgen, dass in der Türkei die SMIIC-Halal-Standards genutzt werden. Ganz gleich auf welchem Kontinent man sich befindet, nun hat man eine offizielle Institution für die Halal-Zertifizierung. Andere Länder sollten ähnliche Organisationen gründen. Indonesien bereitet auch ein Wechsel in dieses System vor.

Wann werden alle islamischen Länder die SMIIC-Standards unterschreiben und nutzen?
Die SMIIC-Standards gehören der Menschheit. Sie werden zwar von den SMIIC-Mitgliedern entwickelt, können jedoch von allen verwendet werden. Standards sind von ihrer Natur her technische und freiwillige Dokumente. Sie müssen daher nicht befolgt werden. In Europa müssen die Standards befolgt werden, da es ich um Vorschriften seitens der Europäischen Union handelt. Wir arbeiten mit dem Akkreditierungsinstitut zusammen und sind überzeugt davon, dass wir Schritt für Schritt ein Bündnis für die Produktion und Zertifizierung nach unseren Standards schaffen können.

Die Türkei hat seit einigen Jahren den SMIIC-Vorsitz inne. Welche Ziele hat das Institut in den kommenden Jahren?
Auch wenn es in der Türkei gegründet wurde, ist SMIIC ein Institut der Organisation für Islamische Zusammenarbeit. Die Türkei ist eines der Mitglieder. Sie unterstützt SMIIC finanziell und ideell. Zudem arbeitet das Land intensiv daran, die Position von SMIIC zu stärken. SMIIC hat keinen Vorsitzenden. Es gibt das SMIIC-Generalsekretariat und wird von einem Generalsekretär geleitet. Die Türkei hat seit zwei Perioden den SMIIC-Vorsitz inne. Allerdings ist diese Aufgabe darauf beschränkt die Vorstandssitzungen und die Generalversammlungen zu leiten. Des Weiteren kümmert sich der Vorsitzender um einige Verantwortlichkeiten, die sich aus der Satzung ergeben. Das Institut verfolgt zahlreiche Ziele, die unter www.smiic.org abrufbar sind. Vor allem im SMIIC-Strategieplan 2016-2020 werden die Vorhaben ausführlich beschrieben. Da die SMIIC-Standards von den technischen Komitees vorbereitet werden, hat jedes Komitee ein eigenes Programm und eine Strategie. Unser größtes Ziel ist, dass unsere Standards auf der ganzen Welt genutzt werden und die Halal-Qualitätsinfrastruktur sich in allen Ländern etabliert.

Interview: Kemal Çalık

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Über den Autor

Kemal Calik
Chefredakteur des globalen Online-Wirtschaftsmagazins HALAL-WELT. Für die Publikation schreibt er über Lebensmittel, Tourismus, Kosmetik, Finanzen und Digital Commerce. Er hat zuvor als Redakteur unter anderem für das "Börsenblatt", "Der Handel" und "CYbiz" gearbeitet.

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