„Wir werden einer der größten Tierschutzvereine sein“

(von links): Norbert Kahmann, Symrise AG, Yusuf Çalkara, Europäisches Halal-Zertifizierungsinstitut (EHZ). (Foto: Kemal Calik)von links: Norbert Kahmann (Symrise) und der EHZ-Zertifizierer Yusuf Çalkara. (Foto: Kemal Calik)

Norbert Kahmann vom Aromahersteller Symrise und Yusuf Çalkara vom Europäischen Halal Zertifizierungsinstitut (EHZ) sind erfahrene Halal-Experten. Ein Gespräch über den richtigen Zertifizierer, das deutsche Tierschutzgesetz und ob es ein „Halal-Bier“ geben kann.

Herr Kahmann, wie finde ich den richtigen Zertifizierer?
Kahmann: Es kommt darauf an, ob Sie ein Zwischenproduzent oder ein Endproduzent sind. Wenn Sie, wie mein Unternehmen, halbfertige Produkte herstellen, dann fragen Sie Ihren Kunden, beim wem er zertifiziert ist. Entweder ist das auch ihr Partner oder Sie suchen jemanden, der von dem Partner ihres Kunden anerkannt wird. Das kann man über Akkreditierungslisten herausfinden oder in Deutschland die RAL Gütegemeinschaft Halal-Lebensmittel fragen. Sind Sie ein Endprodukthersteller und wollen exportieren, dann müssten Sie die Gepflogenheiten des Landes kennen. Wenn Sie nach Indonesien wollen, brauchen Sie MUI, gehen Sie nach Malaysia ist das Jakim und für den Mittleren Osten brauchen Sie einen akkreditierten Zertifizierer. Im Zweifelsfall können Sie sich bei der Arbeitsgruppe Halal und Koscher in der IHK Hannover informieren.

Es gibt weltweit um die 400 Zertifizierer. Wer vergibt eigentlich die Siegel?
Kahmann: Es handelt sich meistens um Nichtregierungsorganisationen. Es gibt Länder, in denen sind die Zertifizierer staatlich, aber normalerweise ist das ein Privatsektor.

Çalkara: Zumindest in Europa ist es ein privater Sektor. Familienunternehmen, aber auch islamische Zentren oder Gemeinden.

Auf welche Fragen des Zertifizierers sollten sich die Unternehmen wappnen?
Çalkara: Wir haben eine Negativliste mit den verbotenen Haram-Rohstoffen. Daher ist die erste Frage, die wir stellen, ob der Betrieb nicht erlaubte Rohstoffe verwendet.

Kahmann: Als Kunde gehe ich zum Zertifizierer und sage, ich möchte gerne dieses Produkt zertifizieren lassen. Dann fragt der Zertifizierer, auf welcher Anlage ich es herstelle und wer die Lieferanten meiner Rohstoffe sind. Anhand dieser Fragen wird festgestellt, ob man das Produkt überhaupt zertifizieren kann. Des Weiteren will der Zertifizierer wissen, welche Produkte ich noch herstelle und ob Kreuzkontaminationen mit diesen Produkten ausgeschlossen werden kann. Wenn nicht, erarbeitet ein guter Zertifizierer stets Lösungen mit dem Kunden.

Halal wird immer wichtiger. Trotzdem ist der Begriff nicht gesetzlich geschützt. Warum?
Çalkara: Das Wort kann man nicht schützen. Es ist ein Begriff aus der Sprache. Man kann lediglich Bildmarken oder eigene Halal-Siegel schützen.

Wie hoch sind die Kosten für ein Siegel?
Kahmann: Es entstehen zwei Arten von Kosten. Eine Grundgebühr, damit der Zertifizierer die Dienstleistung erbringen kann. Darüber hinaus muss man für das Zertifikat zahlen. In Deutschland liegt die Preisspanne für ein Zertifikat zwischen 100 und 700 Euro. Hinzu kommen natürlich die jährlichen Auditgebühren.

Warum unterscheiden sich die Normen der Halal Zertifizierer?
Çalkara: Im Groben und Ganzen gibt es wenig Unterschiede. Die Unterscheide bestehen in den Feinheiten. Das hängt mit den unterschiedlichen Erfahrungen zusammen, die man in den jeweiligen Ländern macht. So macht ein Halal-Zertifizierer in Bangladesch andere Erfahrungen als einer in Europa. Zudem gibt es unterschiedliche Rechtsschulen im Islam. Daher kann eine Kann-Bedingung für die Sunniten, für die Schiiten eine Muss-Bedingung sein. Etwa die Ausrichtung der Tiere nach Mekka bei der Schlachtung.

Kahmann: Bei den allermeisten Themen herrscht Einigkeit. Die strittigen Themen sind zum Beispiel Hand- oder maschinelle Schlachtung, betäubt oder nicht betäubt, unterschiedliche Betrachtungsweisen auf das Thema Alkohol. Aufgrund dieser Meinungsunterschiede haben wir bisher keinen globalen Halal-Standard.

Çalkara: Wenn man in einem Land lebt, in dem die Arbeitskraft wenig kostet, kann man auf die maschinelle Schlachtung verzichten. In Europa hingegen ist die Arbeitskraft teuer. Daher befassen sich die Gelehrten hier eher damit, ob eine maschinelle Schlachtung halal-konform ist oder nicht.

Es wird ja alles mögliche zertifiziert. Für welche Produkte macht es Sinn und für welche nicht?
Çalkara: In den Bereichen Lebensmittel, Kosmetik und Medizin ist es sinnvoll. Wenn es allerdings um Leben und Tod geht und keine Alternativen vorhanden sind, kann man in der Medizin auch Haram-Produkte nutzen. Jedoch ist der Muslim verpflichtet, immer nach Alternativen zu suchen. Keinen Sinn sehe ich darin, zum Beispiel Bodenbeläge zu zertifizieren.

Kahmann: Halal ist ein Konzept für das ganze Leben. Das heißt, alles was den Muslim umgibt, soll gut sein. Demnach gäbe es keine Ausnahme, etwas nicht zu zertifizieren. Die Frage ist allerdings, ob es nützlich ist. Nehmen wir etwa einen Plastikkanister, der aus Öl hergestellt wird. Was macht es für einen Sinn dieses Produkt zu zertifizieren?

Herr Çalkara, gab es Fälle, in denen Sie Halal-Siegel entzogen haben?
Çalkara: Ja, zweimal. Der erste Fall war bei einem Geflügelschlachtbetrieb in Bayern. Im Islam ist die Schlachtung mit vorheriger Betäubung erlaubt, wenn die Tiere nicht anhand dieser Betäubung sterben. Hier gibt es eine Null-Toleranz. Bei diesem Betrieb sind damals einige Tiere nicht zu sich kommen, als wir sie auf den Boden gelegt haben. Es hat sich dann herausgestellt, dass sie eine veraltete Betäubungsanlage in Betrieb haben. Der andere Betrieb, dem wir das Zertifikat entzogen haben, hatte zuerst drei muslimische Mitarbeiter, später nur noch einen für die Schlachtung. Das ist zu wenig.

Sie zertifizieren auch Fleisch, ein anderer deutscher Siegel-Anbieter nicht. Industrielle Massentierhaltung könne nicht halal sein, sagt dieser Zertifizierer. Was sagen sie dazu?
Çalkara: Im Islam gibt es das Prinzip, das kleinere zweier Übel zu wählen. Wir haben festgestellt, dass auch nicht halal-geschlachtetes Fleisch mit einem Halal-Siegel auf den Markt gelangt. Um diesen Betrug zu bekämpfen, mussten wir aktiv werden. Unsere Gelehrten wollten zumindest die Einhaltung von Mindeststandards sicherstellen. Die Halal-Kriterien sind nicht statisch. Je mehr Erfahrung, je mehr Wissen man sich über die Produktionsmethoden aneignet, kann man Anpassungen vornehmen. So befassen sich mittlerweile auch unsere Gelehrten damit, inwieweit Massentierhaltung, Massentiertransport und Massentierschlachtung halal-konform sind oder nicht.

Kahmann: Das ist die neue Anforderung farm-to-plate. Man will alles, von der Aufzucht übers Futter, über Transport bis zum Schlachtprozess kontrollieren. Die allergrößte Herausforderung für halal sehe ich darin, neue Technologien, neue Erkenntnisse auf alte Gesetze anzuwenden. Der Koran ist über 1.400 Jahre alt. Damals gab es keine Massentierhaltung, keine Massentransporte. Für den Zertifizier ist die größte Herausforderung heute, wie er in Zeiten der Industrialisierung, der Perfektion, halal gewährleisten kann.

Kann es eigentlich Halal-Bier und Halal-Sekt geben?
Kahmann: Man kann zum Beispiel ein Pina Colada Cocktail-Aroma nicht zertifizieren lassen, weil es die Assoziation zu einem alkoholhaltigen Cocktail hat. Macht man aber ein Kokosnuss-Ananas-Aroma davon, dann ist es zertifizierbar. Es ist das Gleiche, nur hat es einen anderen Namen. Ich hatte mit einem großen internationalen Zertifizierer über einen Weinhersteller aus Spanien gesprochen, der auch entalkoholisierten Wein anbieten wollte. Der Zertifizierer sagte, dass Wein nicht zertifizierbar sei, weil er extra als Getränk hergestellt werde, um zu berauschen. Bier genauso. Es gibt jedoch einen Wein- und Sekt-Hersteller aus Österreich, der seine Getränke nicht auf Alkoholbasis herstellt. Er hat gar ein Halal-Siegel für die Produkte, die er unter anderem in die arabischen Länder verkauft.

Çalkara: Die Zertifizierer sind sich einig darüber, das alles, was man mit haram assoziiert, nicht halal-zertifizierbar ist. Das gilt für Wein und Bier. Bei den sechs Haram-Rohstoffen taucht übrigens der Begriff Alkohol nicht auf, sondern das Berauschende. Alkohol ist per se nicht haram, sondern das Berauschende. Wenn ich Alkohol habe, der nicht berauscht, dann ist das halal-konform und kann in der Produktion verwendet werden.

Kahmann: Was sind die sechs Haram-Rohstoffe?
Çalkara: Schwein, Raubtiere, verendete Tiere, Tiere, die im Islam erlaubt, aber nicht nach dem islamischen Ritus geschlachtet sind, Blut und das Berauschende. Zu dem Berauschenden würde ich das Toxische hinzufügen.

Ist halal ebenso für Menschen, die auf die Attribute fairtrade, bio oder vegan Wert legen, interessant?
Kahmann: Halal kann auch fairtrade sein, halal kann bio sein, halal kann alles sein, muss es aber nicht sein. Das eine schließt das andere nicht aus.

Çalkara: Irgendwann wird das EHZ einer der größten Tierschutzvereine sein, weil wir uns stärker mit der Tierhaltung und dem Transport beschäftigen werden. Das Tierschutzgesetz in Deutschland kommt uns dabei entgegen. Wir werden immer mehr den Standpunkt vertreten, dass auch das ganze Drumherum der islamischen Ethik entsprechen muss. Noch stecken wir in diesem Bereich in den Anfängen. Dafür benötigen wir auch die Unterstützung der Verbraucher. Sie müssen mehr Druck machen. Es ist verrückt, dass man ein Tier fünf Stunden nach Osten schickt, weil es dort günstiger geschlachtet werden kann. Es kommt dann nach Deutschland und wird hier zerlegt. Wir hatten als Zertifizierer anfangs nicht die globale muslimische Welt im Auge. Wir wollten unsere Dienstleistung für die europäischen Muslime anbieten. Von diesem Ziel sind wir weit entfernt und zwar aus drei Gründen: Die fünf Millionen muslimischen Verbraucher werden von den Unternehmen nicht berücksichtigt, da sie nicht auf sich aufmerksam machen. Die Muslime haben die Krankheit, dass sie versuchen, alles unter sich zu klären. Man versucht sich gegenseitig zu helfen. Allerdings ist keiner von ihnen ein Produzent. Sie fragen bei den Herstellern nicht nach, ob ein Produkt halal ist oder nicht. Wir versuchen daher die Verbraucher aufzuklären. Wir sagen, dass sie auf sich aufmerksam machen müssen. Denn: Wenn es keine Nachfrage gibt, gibt es auch kein Angebot. Der zweite Grund hat mit dem Image des Islam in Europa zu tun. Die Produzenten habe die Befürchtung, dass sie mit einem Halal-Siegel Kunden gewinnen, aber auch welche verlieren könnten. Wir müssen daher auch die Nichtmuslime aufklären. So baut halal auf den vorhandenen Kontrollen wie IFS, QS, HACCP etc. auf und ist ein zusätzlicher Kontrollmechanismus. Im Zeitalter der Lebensmittelskandale gilt, je mehr Kontrolle desto besser. Wenn wir intensiv und gut aufklären, können wir auch die Kunden aus der Mehrheitsgesellschaft für Halal-Produkte gewinnen. Die deutschen Produzenten konzentrieren sich auf den riesigen Halal-Markt außerhalb von Europa. Das ist der dritte Grund. Wenn sie nach Asien, in die arabischen Länder exportieren, brauchen sie keine Angst zu haben, Kunden zu verlieren. Das macht uns traurig. Wir wollen, dass die europäischen Muslime bedenkenlos Halal-Produkte mit einem Siegel kaufen können, ohne ständig die Zutatenlisten lesen zu müssen.

Wie wollen Sie die fünf Millionen Muslime in Deutschland erreichen?
Çalkara: Um die Masse zu erreichen, brauchen sie Manpower. Das kostet Geld und ist nicht von heute auf morgen machbar. Wir greifen daher seit Jahren auf vorhandene Netzwerke zurück und sprechen dort über halal. Wir nutzen hierfür auch die Arbeitsgruppe Halal und Koscher bei der IHK Hannover.

Wer halal lebt, kann grundsätzlich auch zu koscher greifen. Stimmt das?
Çalkara: Als Muslim ist es mir erlaubt, das Essen der Juden oder Christen zu essen. Ich muss bei einer Einladung nicht nachfragen, ob das Fleisch halal ist oder nicht. Das ist allerdings keine Freikarte dafür, draußen beim Metzger Nicht-Halal-Fleisch zu kaufen. Die Juden trinken koscheren Wein. Das ist eindeutig haram für die Muslime.

Wie kann der Verbraucher feststellen, welchem Produkt und welchem Siegel er vertrauen kann?
Çalkara: Es gibt in Deutschland keine Akkreditierungsstellen. Er sollte prüfen, wie transparent der Zertifizierer ist, nach welchen Kriterien er die Siegel vergibt, mit welchen Gelehrten und Gemeinden er zusammenarbeitet.

Kahman: Dadurch, dass der Begriff halal nicht geschützt ist, könnte ich morgen als Nichtmuslim ein Halal-Siegel auf den Markt bringen.

Was müsste passieren, damit halal in Deutschland zu einem richtigen Trend wird?
Kahmann: Bevor es ein Trend wird, brauchen wir eine Akzeptanz. Daran arbeiten wir. Indem wir sagen, dass halal tierschutzkonform ist und wir das permanent überwachen.

Ist ein einheitliches Halal-Label in Sicht?
Kahmann: Ich bin davon überzeugt, dass es irgendwann ein internationales Halal-Siegel über die Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) geben wird. Wer in die 57 OIC-Mitgliedsländer verkaufen möchte, darf dann nur diesen Standard nutzen. Im Augenblick darf man nicht einmal den Begriff halal draufschreiben. In Deutschland ist kein einheitliches Label in Sicht, da es immer jemanden geben wird, der das Zertifikat nicht akzeptiert. Wir unterstützen die Zertifizierer. Wir möchten, dass die Verbraucher den Halal-Labels vertrauen können. Wir möchten die Diskussion um die Tierquälerei beenden. Wir möchten, dass Unternehmen ihre Halal-Produkte ohne Furcht vor Protesten verkaufen können.

Interview: Kemal Çalık

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Über den Autor

Kemal Calik
Chefredakteur des globalen Online-Wirtschaftsmagazins HALAL-WELT. Für die Publikation schreibt er über Lebensmittel, Tourismus, Kosmetik, Finanzen und Digital Commerce. Er hat zuvor als Redakteur unter anderem für das "Börsenblatt", "Der Handel" und "CYbiz" gearbeitet.